
Gerade komme ich von dem Klo, des Internetcafes meines Vertrauens und muss feststellen - in Ecuador ist alles beim Alten: Gestern Verabschiedung von Sarah bei einer der Lehrerinnen mit typischen Trinkspruechen zu zuckrigem Wein; dann heute Fruehstueck mit Ruehrei, Palanquetas und Aussichten auf einen langsamen Tag; der comercio berichtet immernoch von den landesweiten Kommunalwahlen letzten Sonntag; auf der Strasse zu grelle Sonne fuer latent angekarterte Spaetaufsteher und schliesslich kein Wasser in der Kloschuessel waehrend es durch das marode Dach der "casa vieja" (unser altes Freiwilligenhaus, das seinen Namen scheinbar verdient) reinregnet, was die Risse in der Decke auf einmal viel bedrohlicher erscheinen laesst.
So sind die Samstage in Riobamba. Da bleibt nicht viel uebrig, als eifrig Tee zu kochen und in spanischen Kinderbuechern oder in Tagtraeumen zu versinken. Das kann ein wenig duester machen von Zeit zu Zeit, wenn man nur an Sachen wie vergiftende Rinderpupse und Wahlfaelschung denken kann, aber mit der netten WG um einen rum bleibt man heiter. Am liebsten wuerde ich wieder mit den anderen drei (Evis Bruder Matti ist gerade zu Besuch) unsere Rucksaecke packen und los in die Berge ziehen - wie letztes Wochenende. Da haben wir uns um diese Zeit gerade durch dichtes Berggestruepp geschlagen und sind in vollkommener Bergstille und mit Blick auf weite Berglandschaften Haenge hoch und wieder runter geklettert, haben abends am Lagerfeuer ueber den Wolken Bergbier getrunken und schleimige Bergnudeln gekocht bis wir zum Schluss in dichtem Nebel versunken sind.
Ein bisschen neblig im Kopf fuehle ich mich auch heute, aber so richtig deprimiert wird man selten in Ecuador. Eher, was man vom Rest der Welt so mitbekommt, laesst das Herz schwer werden. Immer diese Ungerechtigkeiten:
Aus dem Iran hoert man hier zwar nur das, was dortige Nachrichtenagenturen verbreiten, dafuer aus Frankfurt selbst schlechte Neuigkeiten: Daniel und die anderen Irren wollen Frank scheinbar fertig machen und ihm seinen Job rauben. Der ist jetzt wirklich auf Luises und meine Hilfe angewiesen, damit wir zurechtbiegen, was diese Menschen in ihren uebrigens vollkommen zugenebelten Koepfen verdreht haben. Irgendwie werde ich von dieser Geschichte vermutlich erst loskommen, wenn ich in Leipzig auf meinem Fahrrad sitze und die Studentenfreiheit mir um die Ohren pfeift. Danach sehne ich mich mehr und mehr.
Es ist zwar alles sehr nett hier und ich kann Land und Leute nach wie vor schaetzen, aber auf Dauer koennte ich meine Samstage nicht so verbringen, wo zu wenig Platz fuer ueberschuessige Lebensenergie bleibt.
In Llallanag war ich diese Woche nur einen Tag, den ich sehrschoen fand mit Esthelita, Merdado und den Kindern. Trotz Nebel schlaegt mir das Wetter in den Bergen nie aufs Gemuet. Die Kinder spielen selbst dann Fussball, wenn man nicht mal das Tor auf der anderen Seite erkennen kann und malen umso farbenfrohere Bilder, je duesterer es draussen wird.
Man fuehlt sich frei dort unter diesen simplen Lebensbedingungen, wenn man die Milch vom frischgeborenen Kalb nach Hause traegt, Puepse von dreckigen Schulkindern riecht oder abends unter Sternenhimmel Zaehne putzt.
Andererseits fand ich es in letzter Zeit immer oefter anstrengend, keine richtige Rolle und Aufgabe dort in den Augen der Bergmenschen und besonders vor Esthelita zu haben. Das Gegenteil von der Tumbacozeit. Da hatte ich nach Meinung aller ne Menge zu tun, waehrend ich mich eher wie ein trauriger Partyclown fuehlte.
Dagegen habe ich in Llallanag das Gefuehl, so gut es geht, bei Esthelita und Merdado mitzuhelfen und meine Projekte mit den Kinder machen mir selbst vielleicht am meisten Spass. Ich weiss aber, dass ich realistisch gesehen nur eine zusaetzliche Last fuer die beiden bin.
Ich wuerde auch auf ein wenig Kartoffelsuppe verzichten und noch mehr Essen mitbringen, wenn das etwas an der Situation aendern wuerde. Wuerde es aber nicht. Evita ist die señorita profesora und ich bin der Ziegenpeter - ohne viel Ahnung, wie man die Ziegen fuettern muss.
Zumindest weiss ich jetzt, was ich mir fuer die Zukunft zutraue und habe schon heute viele gute Erinnerungen an das Bergleben und die Menschen dort, von denen man viel lernen kann.

Das Schoenste ist, wenn man abends mit Merdado und Esthelita in der Kueche sitzt. Sie erzaehlt phantastische Geschichten, die einen mit dem Verdacht zuruecklassen, dass sie vielleicht doch ab und an einen tiefen Zug aus dem Trompetenbaum hinterm Haus nimmt. Er erzaehlt von den verschiedenen Typen des Bergkaeses, wann man am besten mellockos saehen und papas ernten sollte und fragt ganz interessiert, ob man Correa fuer einen Kommunisten halte und wie die politische Lage in Russland aussaehe.
Schon verrueckt, wie weit weg von der restlichen Welt man sich in Llallanag fuehlen kann.
Dass Correa letztes Wochenende in Tixán, was nur eine halbe camioneta-Stunde entfernt liegt, aufgetreten ist, haben Esthelita und Merdado nicht mitbekommen.
Morgen mach auch ich mich auf in das kleine Dorf, zu den fiestas de Tixán. Da gibt es torros del pueblo. Also, doch nicht alles wie immer, in Ecuador.
Und ueberhaupt. Selbst am tristesten Wochenende weiss ich noch:
En el Ecuador, todo es posible.
Selbst, dass irgendwann nochmal die Dachdecker kommen...
