nachdem unzaehlige weihnachtsfeiern im sonnenschein hinter uns lagen und wir uns ein wenig traurig von unseren cda-kindern verabschiedet hatten, ging es dann schon bald los. ich bin mit meiner extra eingeflogen kamera und allem sonstigem reisekrimskrams frueh morgens nach riobamba in die berge aufgebrochen, um dort ganz spontan mit evi und sarah weihnachten zu feiern. die beiden wohnen in comunidades hoch ueber den wolken und riobamba. von dem schon sehr geisterhaften dorf, wo ich aus dem bus gesprungen bin, muss man normalerweise nochmal zwei stunden laufen. zum glueck wurden evi und ich aber von einer camioneta bis nach llallanag mitgenommen. dort wohnt evi, fuer die bergbewohner nur evita, in einer kleinen, bescheidenene bauernhuette. ohne fernseher... das hat mich fast am meisten verbluefft. es gibt zwar ein bisschen strom und draussen einen wasserhahn, aber das haeuschen ist sonst ganz gemuetlich einfach, krumm und schief und von holzwuermern zerfressen. dort lebt sie mit einem alten bauernehepaar. das grossmuetterchen glaubt, sie muesse an die 73 sein. wer weiss das schon genau? llallanag hat ansonsten knapp 100 einwohner, die in haeusern ueber den berg vestreut wohnen, wo sie ihre eigene milch, kaese und mehl herstellen.
es ist natuerlich nicht nur idyllisch, wenn auch sehr. an meinem ersten abend dort, als wir gerade ketten an evi fuer einen traditionellen tanz am naechsten tag ausprobierten, klopfte es an der tuer: ein betrunkener doerfler war den abhang neben dem haus hinuntergefallen.
wir sind natuerlich sofort zu dritt mit der gastoma und anderen doerflerinnen los, um den schon ganz steifen kerl hochzuhiefen und durch den regen mitzuschleifen. das war ein richtiger prozessionszug. sehr feierlich irgendwie, wie wir alle im kerzenschein so schoben und zogen. evis gastoma hat danach noch lange leise gekichert.
als wir morgens um fuenf uhr aufgestanden sind, hatte das grossmuetterchen in bunten strickjacken uns schon ein baeuerliches fruehstueck bereitet. als wir aus der kleinen kueche, in der die huehner mit ihren kueken hausen, hinaustraten, war die sonne aufgegangen und wir hatten einen wunderbaren blick ueber die berge. spaeter, am nachmittag, als wir einen langen spaziergang gemacht haben, wurden wir dann allerdings vom nebel eingehuellt.
bevor abends eine kleine versammlung in der kirche anfing, haben evi und ich noch mit hausgemachter milch und mehl plaetzchen gebacken und uns ganz gepflegt unterhalten. evi hoert uebrigens auch kleingeldprinzessin und will nach leipzig zum studieren. vielleicht sogar psychologie. jeje.
in der kirche war alles ganz anders, als in deutschland. nach und nach kamen ein paar leute eingetrudelt. immerhin schon mehr, als die vier am vorabend zur novena. die novena faengt naemlich neun abende vor weihnachten an und man trifft sich dafuer taeglich in der kirche.
am weihnachtsabend sass ich also in einer kleinen gemuetlichen dorfkirche auf einer holzbank neben einer blinkenden krippe, mit einem grossaeugigen bauernkind auf dem schoss und habe gelernt, den rosenkranz zu beten. hat aber erstaunlicherweise spass gemacht und wirklich ein bisschen besinnliche stimmung geschaffen. als wir alle ecuadorianischen weihnachtslieder zweimal gegroehlt hatten (wie schuechtern die ecuadorianer auch sein moegen, weihnachtslieder schmettern sie mit inbrunst- richtige tonhoehen hin oder her) sind wir durchs dunkel im matsch nach hause getappt und haben uns in unser bett gekuschelt.
dazu muss man sagen, dass evi seit vier monaten kraetze hat und ich deshalb doch nicht so ganz ruhig neben ihr schlafen konnte, weil sarah nicht mehr zwischen uns lag.
am weihnachtsmorgen sind sarah, evi und ich wieder frueh um fuenf aufgestanden, um die plaetzchen fertig zu backen. danach sind wir mit meinem riesigen rucksack einundhalbstunden den berg runtergewandert, ueber kaputte holzbruecken, neben verlassenen steinhaeusern und alten bahnschienen, durch taeler und pfade entlang. obwohl ich mit meinem schweren rucksack ganz schoen ins schwitzen kam, war es ziemlich wunderbar.
mit dem bus sind wir schliesslich weiter nach guamote, wo donnerstags frueh immer ein grosser markt der indigenas ist. rummelig voll, aber zum glueck ohne nervige gringos.
dort haben evi und ich dann auch fuer unser weihnachtsessen eingekauft. guakamole wollten wir abends in der wg in riobamba machen. das ist eine art avokadopampe mit zwiebeln, limone und tomaten.
dummerweise hab ich mal wieder so zugeschlagen, dass ich schliesslich hautausschlag davon bekommen habe und erst panisch dachte, es sei die kraetze. man ist dann immer froh, wenn sich herausstellt, dass man nur floehe oder irgendeine allergie hat. evi hat mich natuerlich ausgelacht.
spaeter waren wir noch auf einer kleinen kirmes und haben beim ringewerfen instaendig auf den weinpreis gehofft. im endeffekt mussten wir den abend dann aber wieder mit dem guten sueffigen pilsener abschliessen. irgendein alkohol muss ja sein, an weihnachten.
von dort bin ich dann mit meinem weihnachtlichen keuchhusten direkt an die kueste gefahren, wo ich bei der tante von camilo wohne.
montañita heisst der ort. eine wieder vollkommen andere welt. das ist der surferhippieort ecuadors, wo sich taettowierte, langhaarige surfer und kleinkuenstler ueber die fuesse stolpern.
alles ist bunt und aus bambus. wenigstens wird man hier nicht wegen seines gringadaseins angemacht, von denen wimmelt es naemlich sowieso schon hier.
mal sehen, ob ich hier mit luise mein año viejo feiern werde, wie geplant, oder nur ein paar surfstunden nehme, fruchtsaefte en masse trinke und dann weiterziehe. ist schon jetzt ziemlich rummelig und bei unserem gemeinsamen bleigiessen wollen luise und ich schliesslich nicht von irgendwelchen braungebrannten hippies gestoert werden.
naja, direkt nach silvester wollen wir und christina dann endgueltig nach kolumbien aufbrechen. vielleicht kommen sogar evi und sarah oder ein kumpel von mir aus quito mit.
so oder so habe ich schon jetzt mein gutes ecuador noch lieber gewonnen und nachgedacht ueber meine zukunft im cda auch. ab und an ein bisschen eben...
domingo, 28 de diciembre de 2008
viernes, 19 de diciembre de 2008
Titeres
Nach zwei monatigem Schreiben, Basteln, Naehen, Kleben, Schrauben, Haemmern, Malen und ein bisschen Proben sind wir gestern endlich nach Chumillos alto gefahren, um unser grandioses Handpuppenstueck "Matti y el paraguas" aufzufuehren.
Chumillos alto ist Jonas-altos comunidad und liegt oben, GANZ oben. Fast schon unter den Eiern von Gott, wie einige sagen wuerden. Ich nicht. "Ueber den Wolken" sage ich. So weit oben jedenfalls, dass man ueber eine wunderschoene gruene Berglandschaft schauen konnte, mit Nebel verhangenen Taelern, keinen Haeusern, aber Schafen und indigenen Huetern.
So etwas schoenes habe ich schon seit unserem Ausflug auf
den Imbabura nicht mehr gesehen...
Morgens sind wir Maedels schon sehr frueh aufgestanden, um wie die Fleissigen ertsmal den Teig fuer die Plaetzchen vorzubereiten. Ein richtiges Weihnachtsspektakel sollte es werden.
Danach haben wir uns erstmal eine Marzipantrinkschokolade gegoennt, die Luises Mama als weihnachtliche Ueberraschung geschickt hatte. Da fing die festliche Stimmung schon an.
Danach haben wir uns erstmal eine Marzipantrinkschokolade gegoennt, die Luises Mama als weihnachtliche Ueberraschung geschickt hatte. Da fing die festliche Stimmung schon an.
Dann kamen Daniel und Luciano, den wir als Unterstuetzung fuer die Penner-Stimme mitgenommen haben und mit dem der ganze Tag zu einem einzigen Spass wurde. Wer will sich nicht gerne von frechen Zwoelfjaehrigen mit Lebensmittelfarbe anmalen lassen, sodass selbst die schuechternen und wohlerzogenen Bergkinder lachen muessen?!
Diese Kinder haben uns sowieso mit ihrer Wohlerzogenheit beeindruckt. Als wir nach zwei Stunden Bergwegefahren endlich mit dem klapprigen Theater, dass wir auf Daniels camioneta gebunden hatten, in dem einsamen Dorf ankamen, hatten sie extra fuer uns den Boden in dem kleinen Schulhaus geputzt und sassen brav an ihren Tischen.
Don Luis, der Dorflehrer und Jonas bester Kumpel, war zwar dabei und hat uns ganz nett begruesst, aber die Kinder haben so eifrig und lieb Plaetzchen ausgestochen, bemalt und Teig ausgerollt, dass wir fast schon ueberfluessig wurden. Nicht mal von den fertigen Plaetzchen haben sie genascht, obwohl sie direkt vor ihnen standen. Das hat uns futterneidische Voluntaere alle sehr beeindruckt. Vor allem, weil sich die CDA-Kinder vermutlich als Erstes um die Foermchen gepruegelt haetten, bevor sie den rohen Teig in sich reinstopfen wuerden.
Spaeter haben wir dann endlich unser Stueck aufgefuehrt und sogar von den schuechterndsten Kindern ein paar Lacher geerntet. Sogar dem schon sehr grossen Jonas hat es gefallen. Hinter der Buehne konnten wir uns auch amuesieren, weil Luciano mit seiner Erkaeltung den Text vergessen hatte und mit rauer Stimme einige Penner-Monologe gefuehrt hat, bis wir er wieder wusste, wo er hinmuss.
Zum Abschluss und als Dankeschoen haben wir sowohl eine heisse Schokolade als auch chicha serviert bekommen. Das ist ein alkoholisches Getraenk, das aus gekautem Mais gemacht wird, den die Leute quasi direkt in deine Tasse spucken und dort vermischen. Sehr delikat. Wirklich. Besonders mit leckeren Riesenbohnen dazu.
Waehrenddessen haben die Kinder still und vergnuegt aus ihren Kekstueten genascht und uns mit ihren riesigen Postkartenaugen angeschaut.
Jonas hat sich schliesslich noch selbst uebertroffen und mit der Dorfkapelle einige Stuecke getrommelt. Das war fast so nett, weil man sich genau vorstellen konnte, wie der grosse, duenne, fast weisshaarige Jonas mit den Menschen in seinem Dorf zusammenlebt.
Da war ich schon sehr neidisch.
Da war ich schon sehr neidisch.
Meine Gedanken an Wechsel haben sich aber erst richtig radikalisiert, als wir heute zum Weihnachtsabschluss mit den Kindern Brataepfel gemacht haben. Fuer die verdammten Zutaten haben wir glatt 30 Dollar ausgegeben. Das ist auch in Ecuador viel. 30 DOLLAR!
Ausserdem haben wir am Dienstag fuer die Weihnachtstueten der Kinder vier Stunden lang Suessigkeiten gemacht. Das war eigentlich nett und die beiden Muetter, mit denen wir gekocht haben, hatten fuer uns auch Tueten vorgesehen.
Tja, im CDA laufen die Dinge allerdrings anders. Wir haben heute als einzige keine Tueten bekommen - die wurden lieber an die Eltern verteilt. Ein Danke fuer die Brataepfel war auch nicht drin, dafuer wurden wir wieder mehrmals angepflaumt und durften uns zum Schluss ein Kuchenstueckchen teilen. Ma sagn, ma sagn. Aus Frust haben wir dann noch einige Kekse geklaut und unsere Brataepfel so konspirativ wie moeglich mit der restlichen Vanillesosse in der Loser-Ecke verschlungen.
Morgen ist die CDA-Weihnachtsfeier mit allen Eltern. Wenn wir, die offensichtlich unendlich wohlhabenden gringas, da wieder gezwungen werden, all unser restliches Geld fuer 2 Dollar teuren Obstsalat auszugeben, begehe ich wohl doch noch einen Amoklauf und zertruemmere wenigstens den singenden und blinkenden Plastikweihnachtsbaum in unserem Wohnzimmer. Die Weihnachtsstimmung, die einem hier suggeriert wird, ist doch einfach laecherlich, wenn man einmal den Vergleich mit dieser Traumcomunidad hat. Ausbeutung, oder was sonst eigentlich?
viernes, 5 de diciembre de 2008
show me the way to the next whiskybar....
So ists mal wieder typisch, das Leben. Wir
beschweren uns tagtaeglich ueber fehlende Arbeit und schon lernt man seine Freizeit wieder richtig zu schaetzen.
beschweren uns tagtaeglich ueber fehlende Arbeit und schon lernt man seine Freizeit wieder richtig zu schaetzen.
Nachdem wir aus Ibarra und Otavalo wiederkamen, wo wir das beste almuerzo der Welt gegessen haben (Christina war wie man sieht ganz beglueckt), uns mit Juan - sin Juan no hay fiesta uebrigens- und Carolina getroffen haben, die wir stolz unsere ecuadorianischen Freunde nennen duerfen, und mit den Voluntariojungs auf den Imbabura gestiegen sind (Wildpferde! bald mehr dazu), erschien uns die Rueckkehr nach Tumbaco ernuechternder denn je.
Nicht nur, dass die Arbeit in der Schule von Tag zu Tag frustrierender wird. Auch in meiner Gastfamilie haeufen sich die Konflikte.
Deshalb habe ich vorgestern sofort die Gelegenheit ergriffen, um mal aus dem Schulalltag auszubrechen.
Camilo, Luciano und Zadkiel wollten zu einer Demonstration nach Quito fahren und ich habe mich als Begleitperson angeboten.
Im Moment sind naemlich die fiestas de Quito. Merkwuerdigerweise feiern die quiteños da die Gruendung Quitos durch die Spanier. Viele junge Ecuadorianer stehen dem kritisch gegenueber. Besonders da in dieser Zeit die toreros in Quito sind, was ueberhaupt nichts mit ecuadorianischer Kultur zu tun hat, sondern vielmehr ziemlich grausam ist.
Aus diesem Grund gibt es einmal im Jahr eine Demo, wo sich die gesamte alternative Szene Quitos versammelt. Da kannte selbst ich als gringa schon einige, natuerlich auch ueber die CDA-Jungs. Den ganzen Tag zusammen mit ihnen rumzuhaengen war sowieso sehr nett. Da fuehlt man sich wie die grosse, coole Schwester, auch wenn Camilo schon 18 ist.
Den kleinen Luciano (rechts) musste man zwar immer davon abhalten, sich auf die Polizisten mit Traenengas zu stuerzen, aber im Prinzip sind die Ecuadorianer ein sehr friedliches Volk und es gab keine gewaltigen Ausschreitungen, wie mir vorher mit grossen Augen angekuendigt wurde.
Aus diesem Grund gibt es einmal im Jahr eine Demo, wo sich die gesamte alternative Szene Quitos versammelt. Da kannte selbst ich als gringa schon einige, natuerlich auch ueber die CDA-Jungs. Den ganzen Tag zusammen mit ihnen rumzuhaengen war sowieso sehr nett. Da fuehlt man sich wie die grosse, coole Schwester, auch wenn Camilo schon 18 ist.
Den kleinen Luciano (rechts) musste man zwar immer davon abhalten, sich auf die Polizisten mit Traenengas zu stuerzen, aber im Prinzip sind die Ecuadorianer ein sehr friedliches Volk und es gab keine gewaltigen Ausschreitungen, wie mir vorher mit grossen Augen angekuendigt wurde.
Weil die Demo aber natuerlich drei Stunden Verspaetung hatte (la hora ecuatoriana, como no) kamen wir schliesslich in die Regenzeit und haben uns in eine Pommesbude gefluechtet.
Die Stimmung hat der Regen aber nicht verdorben. Waehrend wir so durch die Altstadt von Quito zogen wurde getanzt und getrommelt und ich musste mich schon ein bisschen zusammenreissen, um nicht laut mitzuschreien:
"¡Somos mestizos, no somos españoles, nosotros somos longos y no toturadores!"
"¡Somos mestizos, no somos españoles, nosotros somos longos y no toturadores!"
Gestern wollten wir dann trotz Stierkaempfern und conquistadores nach Quito fahren, um feiern zu gehen.
Beim Trampen hatten wir Glueck und wurden von zwei Typen mitgenommen, die nach Guapolo wollten, was ein Vorort von Quito ist. Wie sich herausgestellt hat, hatte der Regisseur-Vater des einen dort einen Musikabend im Freundeskreis in seinem Haus organisiert. Urspruenglich wollten wir von dort nur ein Taxi rufen, was billiger waere als von Tumbaco aus. Als wir in das stilvolle Haus auf dem Huegel mit Blick auf Quito eintraten, wurden wir von einer kleinen, eleganten Gesellschaft empfangen, die sich gerade mit Wein und Whisky niederliessen, weil einer ihrer Freunde etwas auf der Gitarre vorspielen wollte. Dass wir beim Trampen mitgenommen wurden und niemanden kannten, schien sie aber ueberhaupt nicht zu stoeren, also sind wir kurzfristig geblieben.
Beim Trampen hatten wir Glueck und wurden von zwei Typen mitgenommen, die nach Guapolo wollten, was ein Vorort von Quito ist. Wie sich herausgestellt hat, hatte der Regisseur-Vater des einen dort einen Musikabend im Freundeskreis in seinem Haus organisiert. Urspruenglich wollten wir von dort nur ein Taxi rufen, was billiger waere als von Tumbaco aus. Als wir in das stilvolle Haus auf dem Huegel mit Blick auf Quito eintraten, wurden wir von einer kleinen, eleganten Gesellschaft empfangen, die sich gerade mit Wein und Whisky niederliessen, weil einer ihrer Freunde etwas auf der Gitarre vorspielen wollte. Dass wir beim Trampen mitgenommen wurden und niemanden kannten, schien sie aber ueberhaupt nicht zu stoeren, also sind wir kurzfristig geblieben.
Der ganze Abend kam uns schon sehr elegant vor und der Gitarrist aussergewoehnlich gut. Als wir genuegend Whisky im Blut hatten, fuehlten wir uns endlich mutig genug, mitzudiskutieren, als der Name GUAYASAMIN erwaehnt wurde. Das ist DER Maler Ecuadors, wenn nicht Lateinamerikas, der zwei eigene Museen in Quito hat und Freund von Fidel Castro, Marquez, Alliende und Pablo Neruda war, die er alle gezeichnet hat. Ein bisschen erinnern mich seine Bilder an Picasso. Gut nur, dass ich das dort nicht gleich rausgehauen habe. Wie sich herausstellte war unser Gastgeber naemlich nicht nur Regisseur sondern auch der Neffe dieses Malers und die Gemaelde an der Wand Originale.
Der Gitarrist des Abends gilt als einer der besten des Landes und wir betranken uns mit edlem Whisky und mit der Kunstelite Ecuadors. Das kam uns so absurd vor, dass wir die ganze Zeit lachen mussten, bis ich vor Erschoepfung auf dem schicken Sofa eingeschlafen bin. Irgendwann wurde ich dann aufgeweckt und mir war es ziemlich peinlich. Igor, unser Gastgeber, bestand aber darauf, dass wir alles "tranquilito" sehen und hat uns erstmal etwas gekocht.
Das war schon so etwas...
Gerade ist vor lauter Regen mal wieder das Internet abgestuerzt und ich weiss nicht mehr, wo ich war.
Der Abend war auf alle Faelle so ein typischer Abend, wie er nur in Ecuador moeglich ist. Naja sag ich ja, mi pais. Ecuador ist zum Beispiel auch so klein, das man staendig alle Leute wiedertrifft. Am Freitag waren wir auf dem Quitofest, das war so das Strassenfest mit den meisten Leuten ueberhaupt. Da haben wir so Strassenkuenstler aus Cuenca getroffen und die Leute, die am Mittwoch auf der Demo waren.
Auf dem Nachhauseweg, mit dem betrunkenen Guayasaminenkel hatten wir dann auch erstmal unseren ersten Unfall, weil einfach ein Baumstamm auf der Strasse lag. So ist das hier. In Tumbaco trifft man sich zum Beispiel auch immer an "der Ampel", weil es nur eine gibt. Weil ich das Wort nicht kannte, dachte ich immer, das waere ein bestimmter Ort oder so. Aber nein, es ist einfach nur DIE AMPEL.
ok. Das ist jetzt en random Abschluss, aber bevor hier wieder alles abstuerzt, hoer ich lieber gleich auf.

domingo, 30 de noviembre de 2008
pan de cebolla
obwohl es in der schule leider immer noch nicht mehr arbeit fuer uns gibt, machen manche tage doch mehr spass als andere, an denen man sich fragt, warum man ueberhaupt hier ist und nicht mit tumbacos verrueckten im park schnaepse trinkt.
neulich haben wir mit den kindern pan de cebolla gebacken.
das war sehr nett: alle haben mitgearbeitet, dabei mit uns musik gehoert und spaeter stand selbst nefi, der prinz, ganz aufgeregt vor dem ofen, bis unser zwiebelschinkenbrot endlich fertig war. pan de cebolla ist ueberhaupt das beste brot, obwohl ich meine taeglichen schokobroetchen auch nicht missen moechte. die ecuadorianer essen zwar oft schon morgens um sechs haenchen, gebratene bananen und kartoffelsuppe, aber in jeder guten panaderia gibt es bestimmt 15 brotsorten.
mit unserem selbstgebackenen, warmen zwiebelschinkenbrot konnten im endeffekt aber keine dieser sorten mithalten.
nebenbei laufen unsere anderen projekte nach wie vor weiter. bald koennen wir auf unserem kleinen feld endlich pflanzen, nachdem wir dort sogar mit vertrockneter huehnerkacke geduengt haben und camilo weitere skorpione erlegt hat.
beim yoga muessen wir ab und zu mit den kleinen maedchen schimpfen und sie dann suspendieren, weil sie bei den traumreisen immer ganz viel kichern muessen. dann werden einige andere kinder so sauer, dass in der hoehle gar nicht mehr so eine yogi-stimmung herrscht.
macht aber trotzdem spass.
morgen faengt dann mein capoeira-projekt an, was ich mit luciano zusammen leiten werde.
das ist so die sache bei den kindern vom cda. selbst capoeira haben zwei schon im verein gemacht und im cda gab es vor ein paar jahren schonmal eine auffuehrung, hat rafo gleich ganz unbeeindruckt erzaehlt.
eine grosse bereicherung sind wir hier also leider wirklich nicht.
wir hoffen immer noch, dass wir bald wechseln koennen. krzyzstof, unser yap-streetworker-freund, redet hoffentlich schon morgen mit der organisation und vor weihnachten wissen wir dann vielleicht schon wohin von hier-
obwohl es eine grosse erleichterung waere, von meiner merkwuerdigen gastmutter wegzukommen, die kinder wuerde ich sehr vermissen. (Das da sind uebrigens mein Lieblingslockenkind Zadkiel, der sehr cool ist aber schuechtern, und der kleine, fiese Gregory, der denkt, er koenne besser englisch als ich. jeje. da muss ich immer lachen)
lunes, 10 de noviembre de 2008
Primeros Pasos - SpenderkreisRundmail Sept.Okt.
Hola muchachos,
Die ersten beiden Monate in Ecuador sind wie im Flug vergangen und langsam ist das alles hier schon ganz normaler Alltag.
Nachdem ich anfangs hauptsaechlich damit beschaeftigt war, Eindruecke zu sammeln, hab ich jetzt manchmal Langeweile, weil nicht mehr automatisch jeder Tag dadurch besonders wird, dass man in Ecuador ist.
Ich bin immer noch sehr froh, hier zu sein, aber es ist doch ziemlich anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Besonders die Arbeit und unser Umfeld gibt einem nicht das Gefuehl, eine Herausforderung zu haben.
Generell habe ich Ecuador schon sehr liebgewonnen. Die Menschen scheinen ruhiger und ausgeglichener, wenn man das allgemein sagen kann.
Man regt sich hier weniger ueber Dinge auf. Ob belanglos oder nicht. Weder ueber den Tod eines Hundes noch den eines Familienmitglieds, schon gar nicht ueber Verspaetungen. Kleine und grosse Schicksalsschlaege werden viel selbstverstaendlicher hingenommen, weil die Menschen hier oft sowieso das Gefuehl haben, nichts daran aendern zu koennen. Was mir gut gefaellt ist, dass man alles teilt und das selbst mit vollkommen Fremden. Zigaretten, Bier, Wasser, Pommes, Mandarinen...
Ausserdem kann ich gerade miterleben, wie es ist, wenn Ecuadorianer leidenschaftlich werden. Damit sind jetzt nicht unsere manchmal etwas nervigen Busbekanntschaften gemeint, die wissen wollen, was "Ich liebe dich sehr" oder "Du bist sehr schoen, mi reinita" auf deutsch heisst, sondern: FUSSBALL.
Hier laeuft das mit der WM-Qualifikation naemlich nicht so nebenbei, wie in Deutschland. Fuer Ecuador geht es um alles: wenn das Team bald gegen Argentinien verliert, ist fuer die gelben Maennchen der Traum von Suedafrika endgueltig vorbei. Als wir neulich im Stadion in Quito Ecuador gegen Chile gewinnen sehen durften, haben wir uns in der Suedkurve eher wie auf einem Beatsteakskonzert gefuehlt. Da wurde im stroemenden Regen gehuepft und geschrien, bis man trotz der Regenzeit gerade ganz warm und wohlig war, in der schwankenden Masse. Hooligans kennt man hier allerdings nicht, dafuer sind die Menschen zu ruhig, glaube ich.
Ungezuegelte Patrioten scheinen sie dafuer alle zu sein. Die Hochachtung, die der seleccion Ecuadors entgegengebracht wird, verwundert uns manchmal. Das Team besteht zu fast 100% aus dunkelhaeutigen Costaneros und die haben hier normalerweise grosse Probleme mit Rassismus. Die Menschen, die in der SIerra und vor allem in den groesseren Staedten wohnen, haben unheimlich viele Vorurteile gegen die Menschen an der Kueste. Als Touristin wird man immer wieder vor den gefaehrlichen negros gewarnt, die angeblich pausenlos weisse Maedchen vergewaltigen und denen man auf keinen Fall trauen kann. Die costaneros, die ich bis jetzt kennengelernt habe, wirkten auf mich eher offener und noch herzlicher als die quitenos. Herzlich sind die Ecuadorianer aber prinzipiell alle. Man begruesst sich immer mit Kuss und die Marktfrauen sprechen mich grundsaetzlich mit "hermanita"oder "hijita" (Schwesterchen und Toechterchen) an.
Wir haben zum Beispiel schon die Bekanntschaft von Edwin gemacht. Er ist der netteste Taxifahrer Tumbacos und trotz seiner ueber zwoelfstuendigen Schichten, immer sehr hilfsbereit, ob man jetzt genug Geld dabei hat oder nicht. Es ist uebrigens in Ecuador nicht ungewoehnlich, 14 Stunden taeglich zu arbeiten. Trotzdem trifft man selten auf Menschen, die gestresst oder unfreundlich sind.
Ich wohne in einer Familie mit drei Kindern. Die beiden Jungs sind gerade 14 und 16, aber fuer ihr Alter ziemlich unkompliziert. Carolina ist dagegen ein ganz schoener Feger. Selbst meine Gastmama Pily kann sich oft nicht gegen sie durchsetzen und Servio, der Papa, versucht es nur dann, wenn er selber betroffen ist.
Auf mich oder die anderen Voluntaere schaut Carolina in der Familienhierarchie hinunter und langsam gebe ich es auf, ihr irgendwas beibringen zu wollen. Das ist auch nicht leicht, weil Pily ein ganz eigenes Erziehungskonzept hat, was ich oft ziemlich inkonsequent finde und gar nicht so sehr Montessori, wie Pily vielleicht denkt. In der Schule gilt Carolina jedenfalls als der Schrecken aller Kinder, weil alle blaue Flecken oder Blutwunden haben, die von ihr stammen.
Manchmal habe ich das Gefuehl, Pily versuche stattdessen mich ein wenig zu erziehen.
Die Familie Suarez wuerde ich als untere Mittelschicht Ecuador einstufen. Sie sind Mestizen und haben mit der urspruenglichen Indigenakultur Ecuadors nichts mehr zu tun. Das kann daran liegen, dass Tumbaco eine industrielle Kleinstadt ist und durch die Naehe zu Quito international gepraegt ist. Quito liegt etwa im Norden des Andengebiets Ecuador, die indigenen communidades findet man eher im Sueden der Sierra. In Staedten wie Ottavalao, wo wir unser Vorbereitungsseminar hatten, oder Riobamba findet man noch viel deutlichere Spuren der urspruenglichen Kultur der Ecuadorianer. Die Bewohner der umliegenden comunidades, die ihre Produkte auf dem Markt verkaufen, praegen das Stadtbild. Auf der Strasse in Tumbaco dagegen sieht man fast nie traditionell gekleidete Menschen. Das finde ich persoenlich ziemlich schade, weil ich so in meinem Alltagsleben kaum mit indigenas in Kontakt komme. Im Gegensatz zu unseren Freunden in Riobamba habe ich das Gefuehl, viel weniger von der eigentlichen Kultur kennenlernen zu koennen, als ich mir vorgestellt hatte. Wir leben in einem kleinen Haus an einem Hof mit Pilys Geschwistern und der wunderbaren Uroma Rosa. Servio ist Chaufeur und Pily Lehrerin im CDA. Da sie dort aber nicht viel verdient, macht sie nebenbei Putzjobs. Ausserdem bekommt sie Geld dafuer, dass ich dort wohne.
Gespart wird immer und bei allem. Neulich hatte Carolina Geburtstag, aber neben einem Kuchen und einer Barbie war fuer die Lieblingstochter nicht viel drin. Dafuer ist es selbstverstaendlich, dass jede Familie einen Fernseher mit DVD-Player und einen Computer hat. Selbst die Freiwilligen aus den indìgena-Gemeinden haben das so erzaehlt. Das Wasser faellt hier ueber die Haelfte der Zeit aus, aber mit der Stromversorgung fuer den Fernseher gibt es scheinbar kein Problem. Meine Gastbrueder haengen jedenfalls den ganzen Tag vor Glotze rum. Manchmal spielen sie Fussball. Am Wochenende ist dafuer meistens irgendein Familienprogramm geplant. Das heisst, man geht morgens gemeinsam in die Kirche und mittags in die Stadt oder feiert ein kleines Fest, da sowieso alle beisammen wohnen. Das ist wirklich sehr nett. Die Cousins und Cousinen sind die besten Freunde der Kinder, weil man sich nicht mit anderen Kindern verabredet. Ich habe meine kleinen primos auch schon sehr ins Herz geschlossen. Besonders Kathi, die mit ihrem Bruder Erik, der Leukaemie hat, neben uns wohnt und auch ins CDA geht. Kathi ist elf und fuer alles zu haben: Wir pfluecken zusammen Avokados, backen staendig irgendwas oder ich bringe ihr Schwimmen bei. Ihre Mama ist Putzfrau und hat es glaube ich ziemlich schwer mit einem Sohn, der erst in zwei Jahren seine Chemotherapie beendet haben wird und ohne einen Mann, der sie unterstuetzt. Das merkt man ihr allerdings ueberhaupt nicht an. Nur neulich, als Erik die ersten Haare verloren hat und wir deshalb beim Friseur waren, musste sie ganz schoen schlucken. Das ist natuerlich nicht einfach fuer einen 15-jaehrigen, dem dazu noch die Wachstumshormone fehlen. Da ist es bestimmt hilfreich, dass wir nebenan wohnen und die Kinder praktisch den ganzen Tag bei uns sein koennen, waehrend Mercedes arbeitet und das von Montag bis Samstag. Sonntags ist also der Tag fuer die drei wichtigesten Dinge der Ecudorianer:
Familie, Fussball und Kirche.
Obwohl es hier fast 50% Indigene gibt, sind ueber 90% der Ecuadorianer katholisch. Da haben die Katholiken jedenfalls gruendlich gearbeitet. Vor allem heisst es hier, katholisch zu sein, wenn man jeden Sonntag in die Kirche geht und sein ganzes Haus mit Heiligenbildern und Jesusito pflastert. Meine Gasteltern machen nicht nur das, sondern treffen sich jeden Dienstag in einem katholischen Gespraechskreis und fuellen ihre Woche mit anderen Aktivitaeten. Pily leitet den Kommunionsunterricht und faehrt staendig zu irgendwelchen kirchlichen Seminaren oder beherbergt Missionaerinnen in ihrem Haus. Mit Missionieren assoziieren die Menschen hier ohnehin nichts negatives. Mich wollten sie anstiften, an ihrer Diskussionsrunde teilzunehmen und sie dann in Deutschland fortzusetzen. Der Priesterschueler, der manchmal bei uns rumsitzt, war ganz pikiert, als ich erklaert habe, dass meine Eltern vielleicht doch keine Lust haben, von mir missioniert zu werden.
Manchmal gehe ich mit in die Kirche. Da sind jeden Sonntag rund 200 Menschen anwesend, dabei hauptsaechlich Familien. Das war eine sehr offene Stimmung mit einem Friedensgruss an die Umstehenden und viel Kindergeschrei. Andererseits war der Teil der Predigt, den ich verstanden habe, viel weniger offen, als man das aus dem evangelischen Gottesdienst in Deutschland kennt. Dazu passt, dass sich die katholische Kirche hier als Teil der politischen Macht versteht, was kuerzlich bei den Wahlen zur Verfassung von Praesident Rafael Correa nochmal deutlich wurde.
Ende September wurde in Ecuador ueber eine neue Verfassung abgestimmt. Sie ist mit rund 63% der Stimmen angenommen worden, wobei man erwaehnen sollte, dass hier so eine Art Wahlpflicht herrscht. Man muss zum Beispiel beim Kauf eines Autos oder Fernsehers eine Wahlbestaetigung vorzeigen. Die neue Verfassung wurde also deutlich von der Mehrheit angenommen. Im Vorfeld gab es hier trotzdem einen harten Kampf der Rechten gegen den linksgerichteten Praesidenten Correa.
Obwohl man auf der Strasse und an den Hauserwaenden haufenweise Plakate mit Spruechen fuer die Verfassung und die Regierung finden konnte, vermittelte das Fernsehen eine anderes Bild. In jeder Werbepause reihten sich die Anti-Regierungsfilme aneinander und 80% der Interviews wurden mit Gegnern der neuen Verfassung gefuehrt. Das fanden wir schon sehr bezeichnend, da das Fernsehen in Ecuador von den reichen, maechtigen, rechten Leuten kontrolliert wird, die keine Scheu zeigen, ihre Einflussmoeglichkeit schamlos auszunutzen. Dazu gehoert auch, dass falsche Informationen oder missverstaendliche Darstellungen ueber die Verfassung und die Regierung ausgestrahlt werden. Und das schon seit Correas Amtsantritt, der den Einfluss des Fernsehens durch die neue Verfassung schmaelern will, was natuerlich ziemlich umstritten ist. Ausserdem hat die Regierung einen eigenen Fernsehsender, der jeden Montag einen Wochenrueckblick sendet, wo alles ausfuehrlich erklaert wird. Das ist eigentlich eine gute Sache, die geschaetzt wird, aber man kann den Sender in vielen Teilen des Landes nicht empfangen. Die grossen Sender, wie Teleamazonas dagegen haben genuegend Geld, da sie den Banken gehoeren. Da Correas "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ihnen nicht passt, wurden ueber die Medien schon diverse Geruechte verstreut, die bis zu uns vorgedrungen sind. Dass durch die Verfassung die Planwirtschaft eingefuehrt werden soll etwa, dabei schreibt sie lediglich Eigentum eine soziale Verpflichtung zu und das Steuerrecht wurde verschaerft, weil es damit vorher Probleme gab. Außerdem will Correa das neoliberale Wirtschaftssystem wandeln und den Einfluss der Weltwirtschaftsorganisationen einschraenken. Vor diesen Schritten fuerchten sich viele Menschen hier.
Andere Beispiele sind die Rechte der Homosexuellen, der Indigenen und des Praesidenten selbst, wo viel Staub aufgewirbelt wurde, obwohl von deutschem Standpunkt aus, die neue Verfassung nur der erste Schritt in die richtige Richtung ist. Die Interessensgruppen, wie die Indigenen oder die Homosexuellen, sehen sich noch nicht ausreichend beruecksichtigt und haben in vielen Punkten sicherlich recht. Einige Fortschritte sind dennoch sicher. Das Rechtssystem der indigenen Gemeinschaften darf soweit ausgeuebt werden, wie es dem staatlichen Recht nicht widerspricht. Ecuador hat somit zwei fast gleichwertige Rechtssysteme und Kichwa wurde als zweite Landessprache anerkannt.
Enrique, ein indigener Mitarbeiter von Yap, hat das als besonders wichtig eingestuft. Ihm waere ein Grundgesetz, wie das Boliviens jedoch noch lieber und er kritisiert, dass den Indigenen noch zu wenig Mitsprache in Erdoelfragen garantiert ist, obwohl sie von den Pipelines direkt betroffen sind.
Correa hat durch die Verfassung zwar seinen Machtbereich erweitert, dabei kann er jedoch noch keine Diktatur aufbauen, was selbst eine Freundin behauptet hat. Die staendig wechselnden Mehrheiten im Parlament haben eine stabile Regierungsarbeit vorher kaum ermoeglicht. Ausserdem gefaellt es mir persoenlich gut, dass die Rechte der Zivilgesellschaft im Gegenteil erweitert wurden und mehr politische Teilhabe ermoeglicht wurde. Alle gewaehlten Regierungsposten sind durch Volksbegehren widerrufbar.
Besonders kontrovers diskutiert wurde allerdings das Abtreibungsrecht. Das neue Grundgesetz spricht Frauen mehr Rechte zu, legalisiert wird die Abtreibung nicht. Die Kirche sieht es allerdings so, dass der legalen Abtreibung die Tuer geoeffnet werde und wetterte mit "Vota NO al aborto" gegen die Verfassung. Solche Aufkleber musste Servio sogar verteilen, weil seine Arbeitgeber in einer katholischen Organisation Mitlglied sind. Und das, owbohl Servio selbst letztendlich mit "SI" gestimmt hat. Das fand ich sehr krass, weil die Familie zwar katholisch ist, aber die Arbeiter auf diese Weise auszunutzen, schon sehr dreist ist. Wir waren dafuer sogar extra auf einem kleinen Antiabtreibungsfest, wo schlichte Propaganda gemacht wurde und ich mich gefragt habe, wer dieser Menschen die Verfassung je in der Hand hatte. Eigentlich hatte die Regierung sich im Vorfeld naemlich wirklich um Aufklaerung bemueht und man kann in jedem Haushalt mehrere Ausgaben der Verfassung finden. Gegen den Einfluss der Kirche ist sie scheinbar nur bedingt gewappnet. Als wir am Wahltag in der Kirche waren, wurden dort morgens wie gewohnlich Prospekte zur Uebersicht ueber den Gottesdienst verteilt. Auf der zweiten Seite konnte man dann "Informationen" ueber die Verfassung finden, die sogar Servio als Luegen bezeichnet hat, obwohl er der Kirche ansonsten blind vertraut. Alle diese Geschichten haben zumindest die Leute in meinem Umfeld so sehr verunsichert, dass sie zwar waehlen gegangen sind, aber bis zum Schluss widersinnige Auskuenfte ueber ihre Meinung zu der Verfassung gegeben haben.
Sie begruessen eindeutig die sozialen Reformen, die schon auf bestem Wege sind. Behinderte und alleinerziehende Muetter etwa werden viel mehr unterstuetzt. Es gibt ab sofort das Recht auf kostenlose Gesundheitsversorgung und der obligatorische Militaerdienst wurde abgeschafft.
So richtig scheinen sie aber nicht zu wissen, was sie erwartet. Correa finden die meisten allerdings sympathisch. Er ist auf alle Faelle ein sehr repraesentativer Typ, der sich gerne im Fernsehen zeigt und gelegentlich arrogant wirkt. Rafo, der Schulleiter des CDA hat am naechsten Tag gesagt, er begruesse die Veraenderungen im Bildungssektor. Schulen, wie dem CDA, werde ausserdem weiterhin viel Freiraum gestattet.
Der Paragraph war allerdings ziemlich schwammig formuliert.
Am Wahlabend selbst haben dann nur wir Freiwilligen wirklich gespannt die Hochrechnungen verfolgt.
Da wundert es einen wenig, dass die Wahlen in Amerika an vielen Menschen spurlos vorbeigegangen sind. In den Zeitungen und im Fernsehen wurde zwar darueber spekuliert, ob Obama auch einen Wandel fuer Ecuador bewirken kann, in meinem Umfeld wusste aber fast niemand bescheid. Als ich morgens gutgelaunt zu Pily sagte:" Wohow, der erste schwarze Praesident Amerikas ist gestern wirklich gewaehlt worden", weil ich dachte, dass sie damit etwas anfangen koennte, meinte sie nur patzig: "Nein, das hast du falsch verstanden, der ist gestern gestorben!"
Der sich immer sehr weltgewandt gebende Rafo dagegen wusste von dem neuen negro-Praesidenten. Das hat er am Elternabend gestern gleich grosspurig durchblicken lassen. Wie er hiess, ist ihm aber nicht mehr eingefallen. Da musste sein Sohn Daniel erst nachhelfen, der so etwas wie Internationale Wirtschaft studiert.
Also leider keine Obamamania in Ecuador.
Ueber die Verfassung Ecuadors gibt es aber noch andere Dinge zu sagen.
Rafo eroeffnet unsere woechentlichen Treffen gerne mit einem Vortrag aus dem neuen Grundgesetz.
Damit will er uns dann zum Beispiel sagen, dass wir verfassungswidriges Handeln zeigen, welches wir sofort aendern muessten. Ansonsten muesse er die Schule schliessen.
Da will man nur ein wenig guten Willen zeigen als Voluntaer und schon bringt man mirnichtsdirnichts eine Schule zur Schliessung.
Solche Dinge machen uns jedesmal wieder (ver)fassungslos, inzwischen sind wir aber schon einiges gewoehnt.
Zusaetzlich zu unseren Montagstreffen mit den Lehrerinnen haben wir oefter Krisensitzungen mit Rafo, weil er ein unbestimmt ungutes Gefuehl hat, das meistens irgendwie mit uns zusammenhaengt.
Unser Verhaeltnis ist wirklich nicht besonders gut.
Es ist grundsaetzlich eine schwierige Situation, weil ihm die Freiwilligen letztes Jahr Schwierigkeiten bereitet haben.
Da sind ein paar komische Sachen gelaufen, die auch mit Geldern zusammenhingen. Das hat das gesamte Klima offenbar ziemlich verschlechtert. Erst wollte Rafo sogar gar keine Freiwilligen mehr aufnehmen.
Jetzt misstraut er uns dafuer in vielen Dingen und redet staendig davon, was er schon fuer schlechte Erfahrungen gemacht hat. Wir hatten neulich ein ausfuehrliches Gespraech mit ihm und haben gebeten, dass er sich kein Bild von uns machen soll und aufhoeren soll, uns mit den Freiwilligen von letztem Jahr zu vergleichen.
Zwei Tage spaeter kam er allerdings zu Kristina und hat ihr einen Vortrag darueber gehalten, dass er nicht will, dass wir uns andere Projekte besuchen. Damit habe er schon schlechte Erfahrungen gemacht und moechte es in Zukunft vermeiden.
Die Familie von einer Freundin hatte uns naemlich eingeladen, mit ihnen auf ein Dorf zu fahren, wo indigene Frauen Basttaschen herstellen. Sie haben gebeten, uns Gedanken darueber zu machen, wie wir dort mit unseren Beziehungen zu Deutschland helfen koennten. Solche Sachen machen uns Spass und wir haben viele Ideen.
Scheinbar hat Rafo es aber ueber unsere Gastmamas erfahren, die seine Angestellte sind. Das macht es uns oft nicht leichter, denn Konflikte aus der Schule uebertragen sich natuerlich auf die Stimmung im Haus und man fuehlt sich nicht so unabhaengig und frei, wie man es sich wuenschen wuerde.
Leider sind sie auf ihre Arbeit angewiesen und finden es nicht spassig, wenn Rafo mal wieder droht, die Schule zu schliessen.
Wir dagegen sind auf solche Projekte ausserhalb vom CDA angewiesen, denn dort fuehlen wir uns nicht wirklich gebraucht.
Das Centro del amanecer ist eine alternative Schule ausserhalb von Tumbaco.
Es ist keine reine Montessorischule. Es wird zwar mit Montessorimaterialien gearbeitet, die Metodologie ist aber stark mit Rafos eigenen Ideen durchmischt.
Die ersten Freiwilligen kamen vor 16 Jahren und haben das CDA aufgebaut.
Jeder Ehemalige kann berichten, welches Dach er gedeckt hat oder welche Wand bemalt.
Die vier runden Huettengebaeude liegen mitten in der Natur, zwischen Huegeln, die in der Regenzeit wunderbar gruen werden. Es gibt einen staubigen Fussballplatz, zwei kleine Felder und einen Platz mit gefaehrlichen Spielgeraeten fuer die Kleinen im basico. Das ganze Umfeld ist sehr familiaer und man fuehlt sich dort sofort wohl.
In die Schule gehen etwas mehr als dreissig Kinder.
Das ist schon das erste Problem, denn wir sind insgesamt sechs Erwachsene, die im CDA arbeiten.
Krsitina ist mit unseren Gastmamas im basico, wo alle Kinder von drei bis etwa elf Jahren hauptsaechlich spielen und Projekte machen. Wenn sie reif genug sind, ausserdem Lesen und Rechnen koennen, steigen sie in die Primaria auf.
Dort unterrichten Luise, Rafo und ich etwa 15 Kinder.
Der aelteste ist 17 und sollte sich eigentlich gerade auf sein Abitur in Biochemie im Juni vorbereiten.
Von den vier Stunden Schulzeit taeglich spielt er aber mindestens eine Stunde Fussball und Hausaufgaben gibt es nicht. Die Kinder muessen sich ihre Arbeitszeiten selber einplanen und Tests, die den gelernten Stoff ueberpruefen, gibt es sowieso nicht. Manche arbeiten sehr fleissig und sind in einigen Materien schon viel weiter als andere Kinder in ihrem Alter.
Gut finde ich, dass sie individuell gefoerdert werden und die meisten wirklich schon sehr viel Eigenverantwortung und Selbststaendigkeit zeigen.
Andere sind dagegen ziemlich faul und oft denke ich, dass sie ohne das Gefuehl, etwas in einer Klasse zu erarbeiten, zu Einzelgaengern erzogen werden.
Dem sollen die Versammlungen der primaria zuvorkommen. Die leiten die Kinder selber und dort haben sie Raum, Projekte selbst zu planen oder Probleme in der Gruppe gemeinsam zu loesen und Normen festzulegen.
Neulich waren wir etwa im Planetarium in Quito.
Rafo und die Voluntaere stehen dabei eigentlich ausserhalb und schalten sich nur ein, wenn es Unklarheiten gibt.
In letzter Zeit arten die asambleas aber immer wieder zu Grundsatzdiskussionen aus. Welches Essen darf man mitbringen?
Wo darf man sein Handy haben? Es existieren schon unzaehlige Normen, die niemand ausser Rafo wirklich zu verstehen scheint. Im Schulbus darf zum Beispiel angeblich nicht gelesen werden.
Er stellt die Kinder aber immer wieder vor Grundsatzfragen. Die sollen dann ausfuehrlich ausdiskutiert werden, obwohl Rafo ihnen seine Meinung zuvor schon subtil vorgibt.
Ausserdem gibt es jeden Tag einen Haufen von cejas. Einige Kinder sind wahre Petzen, die wirklich alles vortragen, selbst, wenn sie gar nicht betroffen sind. Das macht Luise und mich ziemlich wuetend, weil immer die gleichen Kinder vor der Gruppe zur Verantwortung gezogen werden. Gegen den Schulschoenling Nefi, der regelmaessig alle Normen bricht, hat noch keiner das Wort erhoben.
Der Neuling Jairo, der einen Sprachfehler hat, wird von einem Grossteil der Jungs gedisst, ohne dass Rafo eingreift.
Als ich Pily darauf angesprochen habe, meinte sie nur, dass Jairo das selber loesen muesse.
Das macht ueberhaupt keinen Sinn, weil er nicht mal die Moeglichkeit hat, sich in die "Loser-Gruppe" zu integrieren. Es gibt einfach zu wenig Kinder.
Die absolute Selbststaendigkeit, die ihnen abverlangt wird, macht auch uns manchmal das Leben schwer.
Wir muessen jeden Morgen darum bangen, wie wir unseren Tag mit Arbeit fuellen koennen.
Mit viel Druck haben wir uns zwei Wochenstunden Englischunterricht erkaempft.
Ich arbeite mit der besseren Gruppe und das macht mir meistens Spass. Man muss zwar staendig darauf achten, Frontalunterricht zu vermeiden und nicht in das "traditionelle Muster" zu verfallen, aber bis jetzt sind mir zum Glueck noch nicht die Ideen fuer witzige Spiele ausgegangen. Jetzt koennen hoffentlich alle wenigstens das present progressive.
Da in meiner Gruppe die pubertaeren Jungs sind ist es oft sehr chaotisch und eine Autoritaetsperson bin ich fuer die Kinder bestimmt nicht.
Das ist aber nicht so leicht, denn ausserhalb des Unterrichts ist man eher so etwas wie eine grosse Schwester fuer sie, mit der man Witze machen kann oder sie heimlich bewundert.
Wir ziehen zwar Grenzen und koennen uns gut durchsetzen, wenn es ein konkretes Problem gibt, aber generell ist es ein sehr lockeres Verhaeltnis. Normalerweies gefaellt mir das sehr, aber wenn die guaguas das im Unterricht ausnutzen, ist das sehr anstrengend. Da sie ueberhaupt keinen richtigen Unterricht gewoehnt sind, langweilen sie selbst meine Spiele recht schnell und sie hoeren sich untereinander ueberhaupt nicht zu.
Wenn die Jungs mal wieder jonglieren oder sich pruegeln, kann man eigentlich sagen, dass sie sonst einfach rausgehen sollen. Denn Pflichten gibt es ja im Prinzip nicht. Vielleicht moegen die Kinder ihre Schule deshalb so gerne. Vielleicht tragen wir dazu auch einen kleinen Teil bei. Besonders von den Kleinen weiss ich, dass sie sich jeden Tag auf die Schule freuen. Oft kommen Ehemalige zu Besuch oder die Kinder bringen Freunde mit.
Die Eltern der Kinder sind auch sehr enthusiastisch. Das muessen sie. Denn neben dem Schulgeld wird erwartet, dass sie an Montessoriseminaren und monatlichen Elternabenden teilnehmen, natuerlich Materialien basteln und organisatorische Arbeit leisten. Das ist prinzipiell gut. Oft kommen aber immer die gleichen, die sowieso ganz hingerissen von Rafo sind.
Manche von ihnen verstehen trotzdem einige Dinge falsch.
Eine Mutter wollte ihrem aelteren Maedchen nicht vorlesen, weil es das alleine machen muesse und ihr Baby hat ohne hilfende Hand Laufen gelernt. Bei Pily Zuhause bekomme ich aehnliche Dinge mit. Als vierjaehrige kann man finde ich noch nicht so verantwortungsvoll sein, dass man sich keinen Zucker in den Tee tut, weil man schlechte Zaehne hat oder eine Kekspackung nur halb aufisst, um fuer das Essen noch hungrig zu sein.
Ausserdem muessen die Eltern es sich gefallen lassen, staendig von Daniel und Rafo analysiert und bewertet zu werden.
Alle Schwierigkeiten mit den Kindern werden sofort auf die Charakterschwaechen der Eltern zurueckverfolgt. Oder auf ihre Zeit in der traditionellen Schule, die sie verdorben hat.
Nefi zum Beispiel war angeblich Epileptiker und Autist. Er war. Rafo konnte ihn zum Glueck von seinem schweren Schicksal befreien. Ja, das ist naemlich nur in Europa genetisch. Rafo hat mit seinem CDA die Moeglichkeit geschaffen, den ein oder anderen von un poco de autismo zu heilen, wie er immer sagt. Das haben hier naemlich Kinder, von denen wir glauben, dass sie einfach schwierig oder in der Pubertaet sind. Wir gelten uebrigens auch als verdorben von der traditionellen Schule und als Kontrollfreaks. Rafo und die beiden Lehrerinnen sehen das traditionelle Bildungssystem meiner Meinung nach ueberhaupt nicht differenziert. Fuer sie ist es "Das Boese".
Die Eltern, die ich bis jetzt kennengelernt habe, sind mir aber sehr sympathisch. Es sind teilweise sehr alternative Menschen - Kuenstler, Musiker oder Taenzer. Einige sind noch ganz jung. Sie denken viel ueber die Erziehung ihrer Kinder nach und hinterfragen ihr eigenes Verhalten kritisch. Sie wollen die Dinge anders machen, als ihre eigenen Eltern und es ist fuer sie eine Lebensentscheidung, ihre Kinder ins CDA zu schicken.
Gestern waren wir auf einem ihrer Elterntage. Dort wurde lange ueber ihre Ideale gesprochen. Dafuer besteht anscheinend viel Bedarf. Danach sieht man selber wieder vieles optimistischer und ist motivierter.
Obwohl ich das CDA eine sehr gute Institution finde, funktioniert viel aber einfach nicht so, wie sie sich das vorstellen.
In unserer restlichen Zeit basteln Luise und ich Materialien, helfen den Kindern, wenn sie in den anderen Faechern Fragen haben oder machen Projekte.
Eigentlich waere es sinnvoll Materialien zu basteln.
Im CDA existieren allerdings haufenweise Materialien, die die Kinder nie zu benutzen scheinen.
Rafo ist aber nicht nur normen- sondern auch materialienbesessen. Fuer das basico sollen wir zum Beispiel etwas basteln, womit die Kinder den Unterschied zwischen "warm" und "kalt" lernen koennen. Oder womit sie "rechts" und "links" selber begreifen, ohne dass man ihnen dabei helfen wuerde - wie etwa in einer traditionellen Schule.
Das kommt uns manchmal einfach ueberfluessig vor, weil sie daran in ihrem Leben bestimmt nicht scheitern werden.
Manche Materialien benutzen die Kinder dafuer oft und lernen bestimmt etwas dabei. Ueber Geografie zum Beispiel.
Es ist ja nicht alles schlecht hier.
Nur einige Wissensluecken sind noch vorhanden, aber das ist glaube ich ueberall in Ecuador so.
Neulich habe ich mit Jairo, der eine Lernbehinderung hat, eine Europakarte angeguckt, die er gemalt hatte und wollte ihn abfragen. Das lief dann so:
"Madrid ¿Hauptstadt oder Land?" "Land?"
"Hauptstadt. Woher kommt denn deine Sprache?" "Na, aus Ecuador."
Obwohl meistens viele Kinder mitmachen, richten sich unsere Projekte an die "niños diferentes". Das sind die behinderten Kinder im CDA. Wir wissen leider immer noch nicht, wie wir sie nennen duerfen.
Einfach "Behinderte" geht natuerlich nicht und "niños diferentes" erscheint Rafo eigentlich noch zu diskriminierend.
Die Namenssuche geht weiter und wir arbeiten waehrenddessen mit "Du-weisst-schon-wem".
Davon haben wir einige im CDA. Maria Belen hat Down-Syndrom, etwa fuenf Kinder sind einfach geistig behindert.
Das zeigt sich ganz unterschiedlich, aber sie koennen problemlos an allen Aktivitaeten im basico teilnehmen und sind in die Gruppe integriert.
Fuer solche Kinder ist das CDA eine richtig gute Alternative zur traditionellen Schule.
Im Vergleich arbeiten wir naemlich wirklich sehr fortschrittlich und offen. Das wird immer wieder betont und stimmt sogar.
In der secundaria, wo ich arbeite, gibt es drei Kinder mit Lernbehinderung. Jairo, Maria Jose und Ronni.
Die haben es dagegen nicht leicht, wie im basico. Die anderen lassen sie teilweise spueren, dass sie nicht so sind wie sie.
Vor allem Jairo hat wie gesagt Probleme.
Als Projekte machen wir montags Sport, wie Aerobic oder Tanzen, dienstags Basteln, aber das ist noch nicht so richtig im Gange. Mittwochs leite ich Yoga. Das machen wir in einer kleinen Hoehle, die natuerlich Voluntaere in die Felsen geschlagen haben. Wir haben es dort mit Unterlagen und Kerzen ganz gemuetlich gemacht und hoeren ueber Boxen Sigur Ros zu unseren Uebungen. Gestern haben wir mit den Kindern vor dem Sonnengruss eine Traumreise an die Antarktis gemacht, die wir im Internet gefunden haben. Solche Dinge machen immer viel Spass.
Donnerstags arbeiten wir mit den Kindern auf einem kleinen Feld, das wir zur Zeit noch umgraben.
Dabei haben wir uebrigens schon einen Skorpion und eine Tarantel entdeckt. Oh je. Ich war ein bisschen panisch, aber die Kinder haben das geloest und festgestellt, dass beide Tiere nicht wirklich gefaehrlich sind. Eine Woche geschwollene Zunge, mehr nicht.
Die Arbeit auf der granja ist eigentlich sehr gut, gerade fuer Kinder wie Ronni, die mit den Werkzeugen ihre Motorik tranieren und Verantwortung fuer die Pflanzen uebernehmen koennen. Aus der secundaria sind einige Kinder mit Eifer dabei.
So eifrig, dass sie schon anfingen, das Feld in Parzellen zu zerteilen, bevor ueberhaupt gepflanzt werden konnte und andere Kinder wie Ronni und Jairo auszuschliessen. Das konnten wir zum Glueck regeln, aber manchmal fuehlt man sich hier wie in Herr der Fliegen.
Generell mag ich aber alle Kinder der Schule. Mit den boesen Jungs kann man nett Witze oder Armdruecken machen, Schach oder Fussball spielen. Die Maedchen basteln uns Ohrringe und machen bei allen Projekten mit. Die guaguas aus dem basico sind sowieso ziemlich suess. Richard, der alte Maennerhosen traegt und wegen seiner Gehbehinderung staendig damit in den Staub faellt und darueber lacht, besonders.
Es ist angenehm, wenn man sich unter sie mischen kann und die Lehrerrolle nicht einhalten muss.
Rafo erwartet von uns, dass wir die Kinder waehrend der gesamten Zeit im CDA observieren und versteht nicht, dass das fuer uns keine Aufgabe ist. Wir verbringen zwar gerne Zeit mit ihnen, sind aber weder angehende Paedagogikstudenten noch die Stasi. Mit den Kindern zu reden, spielen und lachen ist zwar nett, aber leider keine ausfuellende Arbeit.
Neulich haben wir eine Kinderolympiade gemacht. Mit ganz unterschiedlicen Disziplinen. Gordischer Knoten, Spinnennetz, Pantomime, verkleidet Wettlauf, Schaetzen, Riechen. Was man auch auf Freizeiten lernt, wir haben es gemacht.
Das hat fast allen Spass gemacht, aber man merkt den Kindern an, dass sie schon viele Voluntaere in ihrem Leben gesehen haben, die viel an ihnen ausprobiert haben.
Man hat nicht das Gefuehl, etwas Eigenes aufzubauen. Ausserdem kritisieren Pily und Rosita alles an unseren Projekten, was nicht nach ihren Vorstellungen verlaeuft und haben selten ein Wort des Lobs. Es scheint sie eher zu stoeren.
Von anderen Projekten in indigenen Doerfern weiss ich, dass die Freiwilligen dort wirklich etwas besonderes sind und sich dort gebraucht fuehlen.
Nebenbei schreiben wir deshalb gerade noch ein Stueck fuer Handpuppen, was wir in einem indigenen Bergdorf vorfuehren werden und dann mit den Kindern proben wollen. Es nennt sich Matti und der Regenschirm. Mit dem fliegt Matti naemlich durch die Regionen Ecuadors und besteht mit einem Obdachlosen, einem Drachen mit Zahnschmerz und einem Erdmaennchen Abentuer. Zum Schluss gibt es einen Kampf gegen blutruenstige Piraten, aus dem alle von Mattis grosser Schwester gerettet werden, die natuerlich Lisa heissen sollte.
Das haben die Kinder dort bestimmt noch nicht oft erlebt und darauf freue ich mich wirklich. Das ist im Gegensatz zum CDA sehr gut, weil wir unsere eigenen Vorstellungen einbringen koennen, ohne von Rafo oder den Lehrerinnen kontrolliert zu werden.
Obwohl es auch mit der Familie nicht so leicht ist und man sich manchmal wie ein unerwuenschter Pensionsgast fuehlt, geht es
mir hier prinzipiell gut. Das liegt aber vor allem daran, dass ich vier nette Freunde gefunden habe. Christina, Jonas, Jonas und Luise sind Voluntaere. Besonders mit Luise, die ausserdem meine Nachbarin ist, verbringe ich viele Stunden auf der Dachterrasse. Dann planen wir schon manchmal unseren Wechsel.
Die beiden Jungs arbeiten in Bergdoerfern. Deshalb verreisen wir am Wochenende oft zusammen.
Neulich waren wir zum Beispiel in Cuenca. Eine ganz wunderschoene, alte Studentenstadt, wo wir den Unabhaengigkeitstag gefeiert haben. Durch solche Reisen fuehlen wir uns selbst auch gleich viel unabhaengiger. Ausserdem lernt man immer nette Ecuatorianer kennen, die nichts gegen Bier haben, wie Rafo.
Ecuador ist einfach ein tolles Land, mit ausgesprochen gutem Essen, in dem man durch wenige Stunden Busfahrt unheimlich viele unterschiedliche Landschaften kennenlernt. Gerade jetzt in der Regenzeit gefaellt es mir besonders gut in der Natur zu sein und den Cotopaxi in der Ferne mit Schnee bedeckt zu sehen.
Diesen fast 6.000 wollen Luise und ich um die Jahreswende besteigen, wenn die Sicht grossartig sein soll.
Herausforderungen findet man schliesslich doch immer, wenn man sie sucht.
Viele liebe Gruesse nach Deutschland.
Eure Pia
Die ersten beiden Monate in Ecuador sind wie im Flug vergangen und langsam ist das alles hier schon ganz normaler Alltag.
Nachdem ich anfangs hauptsaechlich damit beschaeftigt war, Eindruecke zu sammeln, hab ich jetzt manchmal Langeweile, weil nicht mehr automatisch jeder Tag dadurch besonders wird, dass man in Ecuador ist.
Ich bin immer noch sehr froh, hier zu sein, aber es ist doch ziemlich anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Besonders die Arbeit und unser Umfeld gibt einem nicht das Gefuehl, eine Herausforderung zu haben.
Generell habe ich Ecuador schon sehr liebgewonnen. Die Menschen scheinen ruhiger und ausgeglichener, wenn man das allgemein sagen kann.
Man regt sich hier weniger ueber Dinge auf. Ob belanglos oder nicht. Weder ueber den Tod eines Hundes noch den eines Familienmitglieds, schon gar nicht ueber Verspaetungen. Kleine und grosse Schicksalsschlaege werden viel selbstverstaendlicher hingenommen, weil die Menschen hier oft sowieso das Gefuehl haben, nichts daran aendern zu koennen. Was mir gut gefaellt ist, dass man alles teilt und das selbst mit vollkommen Fremden. Zigaretten, Bier, Wasser, Pommes, Mandarinen...
Ausserdem kann ich gerade miterleben, wie es ist, wenn Ecuadorianer leidenschaftlich werden. Damit sind jetzt nicht unsere manchmal etwas nervigen Busbekanntschaften gemeint, die wissen wollen, was "Ich liebe dich sehr" oder "Du bist sehr schoen, mi reinita" auf deutsch heisst, sondern: FUSSBALL.
Hier laeuft das mit der WM-Qualifikation naemlich nicht so nebenbei, wie in Deutschland. Fuer Ecuador geht es um alles: wenn das Team bald gegen Argentinien verliert, ist fuer die gelben Maennchen der Traum von Suedafrika endgueltig vorbei. Als wir neulich im Stadion in Quito Ecuador gegen Chile gewinnen sehen durften, haben wir uns in der Suedkurve eher wie auf einem Beatsteakskonzert gefuehlt. Da wurde im stroemenden Regen gehuepft und geschrien, bis man trotz der Regenzeit gerade ganz warm und wohlig war, in der schwankenden Masse. Hooligans kennt man hier allerdings nicht, dafuer sind die Menschen zu ruhig, glaube ich.
Ungezuegelte Patrioten scheinen sie dafuer alle zu sein. Die Hochachtung, die der seleccion Ecuadors entgegengebracht wird, verwundert uns manchmal. Das Team besteht zu fast 100% aus dunkelhaeutigen Costaneros und die haben hier normalerweise grosse Probleme mit Rassismus. Die Menschen, die in der SIerra und vor allem in den groesseren Staedten wohnen, haben unheimlich viele Vorurteile gegen die Menschen an der Kueste. Als Touristin wird man immer wieder vor den gefaehrlichen negros gewarnt, die angeblich pausenlos weisse Maedchen vergewaltigen und denen man auf keinen Fall trauen kann. Die costaneros, die ich bis jetzt kennengelernt habe, wirkten auf mich eher offener und noch herzlicher als die quitenos. Herzlich sind die Ecuadorianer aber prinzipiell alle. Man begruesst sich immer mit Kuss und die Marktfrauen sprechen mich grundsaetzlich mit "hermanita"oder "hijita" (Schwesterchen und Toechterchen) an.
Wir haben zum Beispiel schon die Bekanntschaft von Edwin gemacht. Er ist der netteste Taxifahrer Tumbacos und trotz seiner ueber zwoelfstuendigen Schichten, immer sehr hilfsbereit, ob man jetzt genug Geld dabei hat oder nicht. Es ist uebrigens in Ecuador nicht ungewoehnlich, 14 Stunden taeglich zu arbeiten. Trotzdem trifft man selten auf Menschen, die gestresst oder unfreundlich sind.
Ich wohne in einer Familie mit drei Kindern. Die beiden Jungs sind gerade 14 und 16, aber fuer ihr Alter ziemlich unkompliziert. Carolina ist dagegen ein ganz schoener Feger. Selbst meine Gastmama Pily kann sich oft nicht gegen sie durchsetzen und Servio, der Papa, versucht es nur dann, wenn er selber betroffen ist.
Auf mich oder die anderen Voluntaere schaut Carolina in der Familienhierarchie hinunter und langsam gebe ich es auf, ihr irgendwas beibringen zu wollen. Das ist auch nicht leicht, weil Pily ein ganz eigenes Erziehungskonzept hat, was ich oft ziemlich inkonsequent finde und gar nicht so sehr Montessori, wie Pily vielleicht denkt. In der Schule gilt Carolina jedenfalls als der Schrecken aller Kinder, weil alle blaue Flecken oder Blutwunden haben, die von ihr stammen.
Manchmal habe ich das Gefuehl, Pily versuche stattdessen mich ein wenig zu erziehen.
Die Familie Suarez wuerde ich als untere Mittelschicht Ecuador einstufen. Sie sind Mestizen und haben mit der urspruenglichen Indigenakultur Ecuadors nichts mehr zu tun. Das kann daran liegen, dass Tumbaco eine industrielle Kleinstadt ist und durch die Naehe zu Quito international gepraegt ist. Quito liegt etwa im Norden des Andengebiets Ecuador, die indigenen communidades findet man eher im Sueden der Sierra. In Staedten wie Ottavalao, wo wir unser Vorbereitungsseminar hatten, oder Riobamba findet man noch viel deutlichere Spuren der urspruenglichen Kultur der Ecuadorianer. Die Bewohner der umliegenden comunidades, die ihre Produkte auf dem Markt verkaufen, praegen das Stadtbild. Auf der Strasse in Tumbaco dagegen sieht man fast nie traditionell gekleidete Menschen. Das finde ich persoenlich ziemlich schade, weil ich so in meinem Alltagsleben kaum mit indigenas in Kontakt komme. Im Gegensatz zu unseren Freunden in Riobamba habe ich das Gefuehl, viel weniger von der eigentlichen Kultur kennenlernen zu koennen, als ich mir vorgestellt hatte. Wir leben in einem kleinen Haus an einem Hof mit Pilys Geschwistern und der wunderbaren Uroma Rosa. Servio ist Chaufeur und Pily Lehrerin im CDA. Da sie dort aber nicht viel verdient, macht sie nebenbei Putzjobs. Ausserdem bekommt sie Geld dafuer, dass ich dort wohne.
Gespart wird immer und bei allem. Neulich hatte Carolina Geburtstag, aber neben einem Kuchen und einer Barbie war fuer die Lieblingstochter nicht viel drin. Dafuer ist es selbstverstaendlich, dass jede Familie einen Fernseher mit DVD-Player und einen Computer hat. Selbst die Freiwilligen aus den indìgena-Gemeinden haben das so erzaehlt. Das Wasser faellt hier ueber die Haelfte der Zeit aus, aber mit der Stromversorgung fuer den Fernseher gibt es scheinbar kein Problem. Meine Gastbrueder haengen jedenfalls den ganzen Tag vor Glotze rum. Manchmal spielen sie Fussball. Am Wochenende ist dafuer meistens irgendein Familienprogramm geplant. Das heisst, man geht morgens gemeinsam in die Kirche und mittags in die Stadt oder feiert ein kleines Fest, da sowieso alle beisammen wohnen. Das ist wirklich sehr nett. Die Cousins und Cousinen sind die besten Freunde der Kinder, weil man sich nicht mit anderen Kindern verabredet. Ich habe meine kleinen primos auch schon sehr ins Herz geschlossen. Besonders Kathi, die mit ihrem Bruder Erik, der Leukaemie hat, neben uns wohnt und auch ins CDA geht. Kathi ist elf und fuer alles zu haben: Wir pfluecken zusammen Avokados, backen staendig irgendwas oder ich bringe ihr Schwimmen bei. Ihre Mama ist Putzfrau und hat es glaube ich ziemlich schwer mit einem Sohn, der erst in zwei Jahren seine Chemotherapie beendet haben wird und ohne einen Mann, der sie unterstuetzt. Das merkt man ihr allerdings ueberhaupt nicht an. Nur neulich, als Erik die ersten Haare verloren hat und wir deshalb beim Friseur waren, musste sie ganz schoen schlucken. Das ist natuerlich nicht einfach fuer einen 15-jaehrigen, dem dazu noch die Wachstumshormone fehlen. Da ist es bestimmt hilfreich, dass wir nebenan wohnen und die Kinder praktisch den ganzen Tag bei uns sein koennen, waehrend Mercedes arbeitet und das von Montag bis Samstag. Sonntags ist also der Tag fuer die drei wichtigesten Dinge der Ecudorianer:
Familie, Fussball und Kirche.
Obwohl es hier fast 50% Indigene gibt, sind ueber 90% der Ecuadorianer katholisch. Da haben die Katholiken jedenfalls gruendlich gearbeitet. Vor allem heisst es hier, katholisch zu sein, wenn man jeden Sonntag in die Kirche geht und sein ganzes Haus mit Heiligenbildern und Jesusito pflastert. Meine Gasteltern machen nicht nur das, sondern treffen sich jeden Dienstag in einem katholischen Gespraechskreis und fuellen ihre Woche mit anderen Aktivitaeten. Pily leitet den Kommunionsunterricht und faehrt staendig zu irgendwelchen kirchlichen Seminaren oder beherbergt Missionaerinnen in ihrem Haus. Mit Missionieren assoziieren die Menschen hier ohnehin nichts negatives. Mich wollten sie anstiften, an ihrer Diskussionsrunde teilzunehmen und sie dann in Deutschland fortzusetzen. Der Priesterschueler, der manchmal bei uns rumsitzt, war ganz pikiert, als ich erklaert habe, dass meine Eltern vielleicht doch keine Lust haben, von mir missioniert zu werden.
Manchmal gehe ich mit in die Kirche. Da sind jeden Sonntag rund 200 Menschen anwesend, dabei hauptsaechlich Familien. Das war eine sehr offene Stimmung mit einem Friedensgruss an die Umstehenden und viel Kindergeschrei. Andererseits war der Teil der Predigt, den ich verstanden habe, viel weniger offen, als man das aus dem evangelischen Gottesdienst in Deutschland kennt. Dazu passt, dass sich die katholische Kirche hier als Teil der politischen Macht versteht, was kuerzlich bei den Wahlen zur Verfassung von Praesident Rafael Correa nochmal deutlich wurde.
Ende September wurde in Ecuador ueber eine neue Verfassung abgestimmt. Sie ist mit rund 63% der Stimmen angenommen worden, wobei man erwaehnen sollte, dass hier so eine Art Wahlpflicht herrscht. Man muss zum Beispiel beim Kauf eines Autos oder Fernsehers eine Wahlbestaetigung vorzeigen. Die neue Verfassung wurde also deutlich von der Mehrheit angenommen. Im Vorfeld gab es hier trotzdem einen harten Kampf der Rechten gegen den linksgerichteten Praesidenten Correa.
Obwohl man auf der Strasse und an den Hauserwaenden haufenweise Plakate mit Spruechen fuer die Verfassung und die Regierung finden konnte, vermittelte das Fernsehen eine anderes Bild. In jeder Werbepause reihten sich die Anti-Regierungsfilme aneinander und 80% der Interviews wurden mit Gegnern der neuen Verfassung gefuehrt. Das fanden wir schon sehr bezeichnend, da das Fernsehen in Ecuador von den reichen, maechtigen, rechten Leuten kontrolliert wird, die keine Scheu zeigen, ihre Einflussmoeglichkeit schamlos auszunutzen. Dazu gehoert auch, dass falsche Informationen oder missverstaendliche Darstellungen ueber die Verfassung und die Regierung ausgestrahlt werden. Und das schon seit Correas Amtsantritt, der den Einfluss des Fernsehens durch die neue Verfassung schmaelern will, was natuerlich ziemlich umstritten ist. Ausserdem hat die Regierung einen eigenen Fernsehsender, der jeden Montag einen Wochenrueckblick sendet, wo alles ausfuehrlich erklaert wird. Das ist eigentlich eine gute Sache, die geschaetzt wird, aber man kann den Sender in vielen Teilen des Landes nicht empfangen. Die grossen Sender, wie Teleamazonas dagegen haben genuegend Geld, da sie den Banken gehoeren. Da Correas "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ihnen nicht passt, wurden ueber die Medien schon diverse Geruechte verstreut, die bis zu uns vorgedrungen sind. Dass durch die Verfassung die Planwirtschaft eingefuehrt werden soll etwa, dabei schreibt sie lediglich Eigentum eine soziale Verpflichtung zu und das Steuerrecht wurde verschaerft, weil es damit vorher Probleme gab. Außerdem will Correa das neoliberale Wirtschaftssystem wandeln und den Einfluss der Weltwirtschaftsorganisationen einschraenken. Vor diesen Schritten fuerchten sich viele Menschen hier.
Andere Beispiele sind die Rechte der Homosexuellen, der Indigenen und des Praesidenten selbst, wo viel Staub aufgewirbelt wurde, obwohl von deutschem Standpunkt aus, die neue Verfassung nur der erste Schritt in die richtige Richtung ist. Die Interessensgruppen, wie die Indigenen oder die Homosexuellen, sehen sich noch nicht ausreichend beruecksichtigt und haben in vielen Punkten sicherlich recht. Einige Fortschritte sind dennoch sicher. Das Rechtssystem der indigenen Gemeinschaften darf soweit ausgeuebt werden, wie es dem staatlichen Recht nicht widerspricht. Ecuador hat somit zwei fast gleichwertige Rechtssysteme und Kichwa wurde als zweite Landessprache anerkannt.
Enrique, ein indigener Mitarbeiter von Yap, hat das als besonders wichtig eingestuft. Ihm waere ein Grundgesetz, wie das Boliviens jedoch noch lieber und er kritisiert, dass den Indigenen noch zu wenig Mitsprache in Erdoelfragen garantiert ist, obwohl sie von den Pipelines direkt betroffen sind.
Correa hat durch die Verfassung zwar seinen Machtbereich erweitert, dabei kann er jedoch noch keine Diktatur aufbauen, was selbst eine Freundin behauptet hat. Die staendig wechselnden Mehrheiten im Parlament haben eine stabile Regierungsarbeit vorher kaum ermoeglicht. Ausserdem gefaellt es mir persoenlich gut, dass die Rechte der Zivilgesellschaft im Gegenteil erweitert wurden und mehr politische Teilhabe ermoeglicht wurde. Alle gewaehlten Regierungsposten sind durch Volksbegehren widerrufbar.
Besonders kontrovers diskutiert wurde allerdings das Abtreibungsrecht. Das neue Grundgesetz spricht Frauen mehr Rechte zu, legalisiert wird die Abtreibung nicht. Die Kirche sieht es allerdings so, dass der legalen Abtreibung die Tuer geoeffnet werde und wetterte mit "Vota NO al aborto" gegen die Verfassung. Solche Aufkleber musste Servio sogar verteilen, weil seine Arbeitgeber in einer katholischen Organisation Mitlglied sind. Und das, owbohl Servio selbst letztendlich mit "SI" gestimmt hat. Das fand ich sehr krass, weil die Familie zwar katholisch ist, aber die Arbeiter auf diese Weise auszunutzen, schon sehr dreist ist. Wir waren dafuer sogar extra auf einem kleinen Antiabtreibungsfest, wo schlichte Propaganda gemacht wurde und ich mich gefragt habe, wer dieser Menschen die Verfassung je in der Hand hatte. Eigentlich hatte die Regierung sich im Vorfeld naemlich wirklich um Aufklaerung bemueht und man kann in jedem Haushalt mehrere Ausgaben der Verfassung finden. Gegen den Einfluss der Kirche ist sie scheinbar nur bedingt gewappnet. Als wir am Wahltag in der Kirche waren, wurden dort morgens wie gewohnlich Prospekte zur Uebersicht ueber den Gottesdienst verteilt. Auf der zweiten Seite konnte man dann "Informationen" ueber die Verfassung finden, die sogar Servio als Luegen bezeichnet hat, obwohl er der Kirche ansonsten blind vertraut. Alle diese Geschichten haben zumindest die Leute in meinem Umfeld so sehr verunsichert, dass sie zwar waehlen gegangen sind, aber bis zum Schluss widersinnige Auskuenfte ueber ihre Meinung zu der Verfassung gegeben haben.
Sie begruessen eindeutig die sozialen Reformen, die schon auf bestem Wege sind. Behinderte und alleinerziehende Muetter etwa werden viel mehr unterstuetzt. Es gibt ab sofort das Recht auf kostenlose Gesundheitsversorgung und der obligatorische Militaerdienst wurde abgeschafft.
So richtig scheinen sie aber nicht zu wissen, was sie erwartet. Correa finden die meisten allerdings sympathisch. Er ist auf alle Faelle ein sehr repraesentativer Typ, der sich gerne im Fernsehen zeigt und gelegentlich arrogant wirkt. Rafo, der Schulleiter des CDA hat am naechsten Tag gesagt, er begruesse die Veraenderungen im Bildungssektor. Schulen, wie dem CDA, werde ausserdem weiterhin viel Freiraum gestattet.
Der Paragraph war allerdings ziemlich schwammig formuliert.
Am Wahlabend selbst haben dann nur wir Freiwilligen wirklich gespannt die Hochrechnungen verfolgt.
Da wundert es einen wenig, dass die Wahlen in Amerika an vielen Menschen spurlos vorbeigegangen sind. In den Zeitungen und im Fernsehen wurde zwar darueber spekuliert, ob Obama auch einen Wandel fuer Ecuador bewirken kann, in meinem Umfeld wusste aber fast niemand bescheid. Als ich morgens gutgelaunt zu Pily sagte:" Wohow, der erste schwarze Praesident Amerikas ist gestern wirklich gewaehlt worden", weil ich dachte, dass sie damit etwas anfangen koennte, meinte sie nur patzig: "Nein, das hast du falsch verstanden, der ist gestern gestorben!"
Der sich immer sehr weltgewandt gebende Rafo dagegen wusste von dem neuen negro-Praesidenten. Das hat er am Elternabend gestern gleich grosspurig durchblicken lassen. Wie er hiess, ist ihm aber nicht mehr eingefallen. Da musste sein Sohn Daniel erst nachhelfen, der so etwas wie Internationale Wirtschaft studiert.
Also leider keine Obamamania in Ecuador.
Ueber die Verfassung Ecuadors gibt es aber noch andere Dinge zu sagen.
Rafo eroeffnet unsere woechentlichen Treffen gerne mit einem Vortrag aus dem neuen Grundgesetz.
Damit will er uns dann zum Beispiel sagen, dass wir verfassungswidriges Handeln zeigen, welches wir sofort aendern muessten. Ansonsten muesse er die Schule schliessen.
Da will man nur ein wenig guten Willen zeigen als Voluntaer und schon bringt man mirnichtsdirnichts eine Schule zur Schliessung.
Solche Dinge machen uns jedesmal wieder (ver)fassungslos, inzwischen sind wir aber schon einiges gewoehnt.
Zusaetzlich zu unseren Montagstreffen mit den Lehrerinnen haben wir oefter Krisensitzungen mit Rafo, weil er ein unbestimmt ungutes Gefuehl hat, das meistens irgendwie mit uns zusammenhaengt.
Unser Verhaeltnis ist wirklich nicht besonders gut.
Es ist grundsaetzlich eine schwierige Situation, weil ihm die Freiwilligen letztes Jahr Schwierigkeiten bereitet haben.
Da sind ein paar komische Sachen gelaufen, die auch mit Geldern zusammenhingen. Das hat das gesamte Klima offenbar ziemlich verschlechtert. Erst wollte Rafo sogar gar keine Freiwilligen mehr aufnehmen.
Jetzt misstraut er uns dafuer in vielen Dingen und redet staendig davon, was er schon fuer schlechte Erfahrungen gemacht hat. Wir hatten neulich ein ausfuehrliches Gespraech mit ihm und haben gebeten, dass er sich kein Bild von uns machen soll und aufhoeren soll, uns mit den Freiwilligen von letztem Jahr zu vergleichen.
Zwei Tage spaeter kam er allerdings zu Kristina und hat ihr einen Vortrag darueber gehalten, dass er nicht will, dass wir uns andere Projekte besuchen. Damit habe er schon schlechte Erfahrungen gemacht und moechte es in Zukunft vermeiden.
Die Familie von einer Freundin hatte uns naemlich eingeladen, mit ihnen auf ein Dorf zu fahren, wo indigene Frauen Basttaschen herstellen. Sie haben gebeten, uns Gedanken darueber zu machen, wie wir dort mit unseren Beziehungen zu Deutschland helfen koennten. Solche Sachen machen uns Spass und wir haben viele Ideen.
Scheinbar hat Rafo es aber ueber unsere Gastmamas erfahren, die seine Angestellte sind. Das macht es uns oft nicht leichter, denn Konflikte aus der Schule uebertragen sich natuerlich auf die Stimmung im Haus und man fuehlt sich nicht so unabhaengig und frei, wie man es sich wuenschen wuerde.
Leider sind sie auf ihre Arbeit angewiesen und finden es nicht spassig, wenn Rafo mal wieder droht, die Schule zu schliessen.
Wir dagegen sind auf solche Projekte ausserhalb vom CDA angewiesen, denn dort fuehlen wir uns nicht wirklich gebraucht.
Das Centro del amanecer ist eine alternative Schule ausserhalb von Tumbaco.
Es ist keine reine Montessorischule. Es wird zwar mit Montessorimaterialien gearbeitet, die Metodologie ist aber stark mit Rafos eigenen Ideen durchmischt.
Die ersten Freiwilligen kamen vor 16 Jahren und haben das CDA aufgebaut.
Jeder Ehemalige kann berichten, welches Dach er gedeckt hat oder welche Wand bemalt.
Die vier runden Huettengebaeude liegen mitten in der Natur, zwischen Huegeln, die in der Regenzeit wunderbar gruen werden. Es gibt einen staubigen Fussballplatz, zwei kleine Felder und einen Platz mit gefaehrlichen Spielgeraeten fuer die Kleinen im basico. Das ganze Umfeld ist sehr familiaer und man fuehlt sich dort sofort wohl.
In die Schule gehen etwas mehr als dreissig Kinder.
Das ist schon das erste Problem, denn wir sind insgesamt sechs Erwachsene, die im CDA arbeiten.
Krsitina ist mit unseren Gastmamas im basico, wo alle Kinder von drei bis etwa elf Jahren hauptsaechlich spielen und Projekte machen. Wenn sie reif genug sind, ausserdem Lesen und Rechnen koennen, steigen sie in die Primaria auf.
Dort unterrichten Luise, Rafo und ich etwa 15 Kinder.
Der aelteste ist 17 und sollte sich eigentlich gerade auf sein Abitur in Biochemie im Juni vorbereiten.
Von den vier Stunden Schulzeit taeglich spielt er aber mindestens eine Stunde Fussball und Hausaufgaben gibt es nicht. Die Kinder muessen sich ihre Arbeitszeiten selber einplanen und Tests, die den gelernten Stoff ueberpruefen, gibt es sowieso nicht. Manche arbeiten sehr fleissig und sind in einigen Materien schon viel weiter als andere Kinder in ihrem Alter.
Gut finde ich, dass sie individuell gefoerdert werden und die meisten wirklich schon sehr viel Eigenverantwortung und Selbststaendigkeit zeigen.
Andere sind dagegen ziemlich faul und oft denke ich, dass sie ohne das Gefuehl, etwas in einer Klasse zu erarbeiten, zu Einzelgaengern erzogen werden.
Dem sollen die Versammlungen der primaria zuvorkommen. Die leiten die Kinder selber und dort haben sie Raum, Projekte selbst zu planen oder Probleme in der Gruppe gemeinsam zu loesen und Normen festzulegen.
Neulich waren wir etwa im Planetarium in Quito.
Rafo und die Voluntaere stehen dabei eigentlich ausserhalb und schalten sich nur ein, wenn es Unklarheiten gibt.
In letzter Zeit arten die asambleas aber immer wieder zu Grundsatzdiskussionen aus. Welches Essen darf man mitbringen?
Wo darf man sein Handy haben? Es existieren schon unzaehlige Normen, die niemand ausser Rafo wirklich zu verstehen scheint. Im Schulbus darf zum Beispiel angeblich nicht gelesen werden.
Er stellt die Kinder aber immer wieder vor Grundsatzfragen. Die sollen dann ausfuehrlich ausdiskutiert werden, obwohl Rafo ihnen seine Meinung zuvor schon subtil vorgibt.
Ausserdem gibt es jeden Tag einen Haufen von cejas. Einige Kinder sind wahre Petzen, die wirklich alles vortragen, selbst, wenn sie gar nicht betroffen sind. Das macht Luise und mich ziemlich wuetend, weil immer die gleichen Kinder vor der Gruppe zur Verantwortung gezogen werden. Gegen den Schulschoenling Nefi, der regelmaessig alle Normen bricht, hat noch keiner das Wort erhoben.
Der Neuling Jairo, der einen Sprachfehler hat, wird von einem Grossteil der Jungs gedisst, ohne dass Rafo eingreift.
Als ich Pily darauf angesprochen habe, meinte sie nur, dass Jairo das selber loesen muesse.
Das macht ueberhaupt keinen Sinn, weil er nicht mal die Moeglichkeit hat, sich in die "Loser-Gruppe" zu integrieren. Es gibt einfach zu wenig Kinder.
Die absolute Selbststaendigkeit, die ihnen abverlangt wird, macht auch uns manchmal das Leben schwer.
Wir muessen jeden Morgen darum bangen, wie wir unseren Tag mit Arbeit fuellen koennen.
Mit viel Druck haben wir uns zwei Wochenstunden Englischunterricht erkaempft.
Ich arbeite mit der besseren Gruppe und das macht mir meistens Spass. Man muss zwar staendig darauf achten, Frontalunterricht zu vermeiden und nicht in das "traditionelle Muster" zu verfallen, aber bis jetzt sind mir zum Glueck noch nicht die Ideen fuer witzige Spiele ausgegangen. Jetzt koennen hoffentlich alle wenigstens das present progressive.
Da in meiner Gruppe die pubertaeren Jungs sind ist es oft sehr chaotisch und eine Autoritaetsperson bin ich fuer die Kinder bestimmt nicht.
Das ist aber nicht so leicht, denn ausserhalb des Unterrichts ist man eher so etwas wie eine grosse Schwester fuer sie, mit der man Witze machen kann oder sie heimlich bewundert.
Wir ziehen zwar Grenzen und koennen uns gut durchsetzen, wenn es ein konkretes Problem gibt, aber generell ist es ein sehr lockeres Verhaeltnis. Normalerweies gefaellt mir das sehr, aber wenn die guaguas das im Unterricht ausnutzen, ist das sehr anstrengend. Da sie ueberhaupt keinen richtigen Unterricht gewoehnt sind, langweilen sie selbst meine Spiele recht schnell und sie hoeren sich untereinander ueberhaupt nicht zu.
Wenn die Jungs mal wieder jonglieren oder sich pruegeln, kann man eigentlich sagen, dass sie sonst einfach rausgehen sollen. Denn Pflichten gibt es ja im Prinzip nicht. Vielleicht moegen die Kinder ihre Schule deshalb so gerne. Vielleicht tragen wir dazu auch einen kleinen Teil bei. Besonders von den Kleinen weiss ich, dass sie sich jeden Tag auf die Schule freuen. Oft kommen Ehemalige zu Besuch oder die Kinder bringen Freunde mit.
Die Eltern der Kinder sind auch sehr enthusiastisch. Das muessen sie. Denn neben dem Schulgeld wird erwartet, dass sie an Montessoriseminaren und monatlichen Elternabenden teilnehmen, natuerlich Materialien basteln und organisatorische Arbeit leisten. Das ist prinzipiell gut. Oft kommen aber immer die gleichen, die sowieso ganz hingerissen von Rafo sind.
Manche von ihnen verstehen trotzdem einige Dinge falsch.
Eine Mutter wollte ihrem aelteren Maedchen nicht vorlesen, weil es das alleine machen muesse und ihr Baby hat ohne hilfende Hand Laufen gelernt. Bei Pily Zuhause bekomme ich aehnliche Dinge mit. Als vierjaehrige kann man finde ich noch nicht so verantwortungsvoll sein, dass man sich keinen Zucker in den Tee tut, weil man schlechte Zaehne hat oder eine Kekspackung nur halb aufisst, um fuer das Essen noch hungrig zu sein.
Ausserdem muessen die Eltern es sich gefallen lassen, staendig von Daniel und Rafo analysiert und bewertet zu werden.
Alle Schwierigkeiten mit den Kindern werden sofort auf die Charakterschwaechen der Eltern zurueckverfolgt. Oder auf ihre Zeit in der traditionellen Schule, die sie verdorben hat.
Nefi zum Beispiel war angeblich Epileptiker und Autist. Er war. Rafo konnte ihn zum Glueck von seinem schweren Schicksal befreien. Ja, das ist naemlich nur in Europa genetisch. Rafo hat mit seinem CDA die Moeglichkeit geschaffen, den ein oder anderen von un poco de autismo zu heilen, wie er immer sagt. Das haben hier naemlich Kinder, von denen wir glauben, dass sie einfach schwierig oder in der Pubertaet sind. Wir gelten uebrigens auch als verdorben von der traditionellen Schule und als Kontrollfreaks. Rafo und die beiden Lehrerinnen sehen das traditionelle Bildungssystem meiner Meinung nach ueberhaupt nicht differenziert. Fuer sie ist es "Das Boese".
Die Eltern, die ich bis jetzt kennengelernt habe, sind mir aber sehr sympathisch. Es sind teilweise sehr alternative Menschen - Kuenstler, Musiker oder Taenzer. Einige sind noch ganz jung. Sie denken viel ueber die Erziehung ihrer Kinder nach und hinterfragen ihr eigenes Verhalten kritisch. Sie wollen die Dinge anders machen, als ihre eigenen Eltern und es ist fuer sie eine Lebensentscheidung, ihre Kinder ins CDA zu schicken.
Gestern waren wir auf einem ihrer Elterntage. Dort wurde lange ueber ihre Ideale gesprochen. Dafuer besteht anscheinend viel Bedarf. Danach sieht man selber wieder vieles optimistischer und ist motivierter.
Obwohl ich das CDA eine sehr gute Institution finde, funktioniert viel aber einfach nicht so, wie sie sich das vorstellen.
In unserer restlichen Zeit basteln Luise und ich Materialien, helfen den Kindern, wenn sie in den anderen Faechern Fragen haben oder machen Projekte.
Eigentlich waere es sinnvoll Materialien zu basteln.
Im CDA existieren allerdings haufenweise Materialien, die die Kinder nie zu benutzen scheinen.
Rafo ist aber nicht nur normen- sondern auch materialienbesessen. Fuer das basico sollen wir zum Beispiel etwas basteln, womit die Kinder den Unterschied zwischen "warm" und "kalt" lernen koennen. Oder womit sie "rechts" und "links" selber begreifen, ohne dass man ihnen dabei helfen wuerde - wie etwa in einer traditionellen Schule.
Das kommt uns manchmal einfach ueberfluessig vor, weil sie daran in ihrem Leben bestimmt nicht scheitern werden.
Manche Materialien benutzen die Kinder dafuer oft und lernen bestimmt etwas dabei. Ueber Geografie zum Beispiel.
Es ist ja nicht alles schlecht hier.
Nur einige Wissensluecken sind noch vorhanden, aber das ist glaube ich ueberall in Ecuador so.
Neulich habe ich mit Jairo, der eine Lernbehinderung hat, eine Europakarte angeguckt, die er gemalt hatte und wollte ihn abfragen. Das lief dann so:
"Madrid ¿Hauptstadt oder Land?" "Land?"
"Hauptstadt. Woher kommt denn deine Sprache?" "Na, aus Ecuador."
Obwohl meistens viele Kinder mitmachen, richten sich unsere Projekte an die "niños diferentes". Das sind die behinderten Kinder im CDA. Wir wissen leider immer noch nicht, wie wir sie nennen duerfen.
Einfach "Behinderte" geht natuerlich nicht und "niños diferentes" erscheint Rafo eigentlich noch zu diskriminierend.
Die Namenssuche geht weiter und wir arbeiten waehrenddessen mit "Du-weisst-schon-wem".
Davon haben wir einige im CDA. Maria Belen hat Down-Syndrom, etwa fuenf Kinder sind einfach geistig behindert.
Das zeigt sich ganz unterschiedlich, aber sie koennen problemlos an allen Aktivitaeten im basico teilnehmen und sind in die Gruppe integriert.
Fuer solche Kinder ist das CDA eine richtig gute Alternative zur traditionellen Schule.
Im Vergleich arbeiten wir naemlich wirklich sehr fortschrittlich und offen. Das wird immer wieder betont und stimmt sogar.
In der secundaria, wo ich arbeite, gibt es drei Kinder mit Lernbehinderung. Jairo, Maria Jose und Ronni.
Die haben es dagegen nicht leicht, wie im basico. Die anderen lassen sie teilweise spueren, dass sie nicht so sind wie sie.
Vor allem Jairo hat wie gesagt Probleme.
Als Projekte machen wir montags Sport, wie Aerobic oder Tanzen, dienstags Basteln, aber das ist noch nicht so richtig im Gange. Mittwochs leite ich Yoga. Das machen wir in einer kleinen Hoehle, die natuerlich Voluntaere in die Felsen geschlagen haben. Wir haben es dort mit Unterlagen und Kerzen ganz gemuetlich gemacht und hoeren ueber Boxen Sigur Ros zu unseren Uebungen. Gestern haben wir mit den Kindern vor dem Sonnengruss eine Traumreise an die Antarktis gemacht, die wir im Internet gefunden haben. Solche Dinge machen immer viel Spass.
Donnerstags arbeiten wir mit den Kindern auf einem kleinen Feld, das wir zur Zeit noch umgraben.
Dabei haben wir uebrigens schon einen Skorpion und eine Tarantel entdeckt. Oh je. Ich war ein bisschen panisch, aber die Kinder haben das geloest und festgestellt, dass beide Tiere nicht wirklich gefaehrlich sind. Eine Woche geschwollene Zunge, mehr nicht.
Die Arbeit auf der granja ist eigentlich sehr gut, gerade fuer Kinder wie Ronni, die mit den Werkzeugen ihre Motorik tranieren und Verantwortung fuer die Pflanzen uebernehmen koennen. Aus der secundaria sind einige Kinder mit Eifer dabei.
So eifrig, dass sie schon anfingen, das Feld in Parzellen zu zerteilen, bevor ueberhaupt gepflanzt werden konnte und andere Kinder wie Ronni und Jairo auszuschliessen. Das konnten wir zum Glueck regeln, aber manchmal fuehlt man sich hier wie in Herr der Fliegen.
Generell mag ich aber alle Kinder der Schule. Mit den boesen Jungs kann man nett Witze oder Armdruecken machen, Schach oder Fussball spielen. Die Maedchen basteln uns Ohrringe und machen bei allen Projekten mit. Die guaguas aus dem basico sind sowieso ziemlich suess. Richard, der alte Maennerhosen traegt und wegen seiner Gehbehinderung staendig damit in den Staub faellt und darueber lacht, besonders.
Es ist angenehm, wenn man sich unter sie mischen kann und die Lehrerrolle nicht einhalten muss.
Rafo erwartet von uns, dass wir die Kinder waehrend der gesamten Zeit im CDA observieren und versteht nicht, dass das fuer uns keine Aufgabe ist. Wir verbringen zwar gerne Zeit mit ihnen, sind aber weder angehende Paedagogikstudenten noch die Stasi. Mit den Kindern zu reden, spielen und lachen ist zwar nett, aber leider keine ausfuellende Arbeit.
Neulich haben wir eine Kinderolympiade gemacht. Mit ganz unterschiedlicen Disziplinen. Gordischer Knoten, Spinnennetz, Pantomime, verkleidet Wettlauf, Schaetzen, Riechen. Was man auch auf Freizeiten lernt, wir haben es gemacht.
Das hat fast allen Spass gemacht, aber man merkt den Kindern an, dass sie schon viele Voluntaere in ihrem Leben gesehen haben, die viel an ihnen ausprobiert haben.
Man hat nicht das Gefuehl, etwas Eigenes aufzubauen. Ausserdem kritisieren Pily und Rosita alles an unseren Projekten, was nicht nach ihren Vorstellungen verlaeuft und haben selten ein Wort des Lobs. Es scheint sie eher zu stoeren.
Von anderen Projekten in indigenen Doerfern weiss ich, dass die Freiwilligen dort wirklich etwas besonderes sind und sich dort gebraucht fuehlen.
Nebenbei schreiben wir deshalb gerade noch ein Stueck fuer Handpuppen, was wir in einem indigenen Bergdorf vorfuehren werden und dann mit den Kindern proben wollen. Es nennt sich Matti und der Regenschirm. Mit dem fliegt Matti naemlich durch die Regionen Ecuadors und besteht mit einem Obdachlosen, einem Drachen mit Zahnschmerz und einem Erdmaennchen Abentuer. Zum Schluss gibt es einen Kampf gegen blutruenstige Piraten, aus dem alle von Mattis grosser Schwester gerettet werden, die natuerlich Lisa heissen sollte.
Das haben die Kinder dort bestimmt noch nicht oft erlebt und darauf freue ich mich wirklich. Das ist im Gegensatz zum CDA sehr gut, weil wir unsere eigenen Vorstellungen einbringen koennen, ohne von Rafo oder den Lehrerinnen kontrolliert zu werden.
Obwohl es auch mit der Familie nicht so leicht ist und man sich manchmal wie ein unerwuenschter Pensionsgast fuehlt, geht es
mir hier prinzipiell gut. Das liegt aber vor allem daran, dass ich vier nette Freunde gefunden habe. Christina, Jonas, Jonas und Luise sind Voluntaere. Besonders mit Luise, die ausserdem meine Nachbarin ist, verbringe ich viele Stunden auf der Dachterrasse. Dann planen wir schon manchmal unseren Wechsel.
Die beiden Jungs arbeiten in Bergdoerfern. Deshalb verreisen wir am Wochenende oft zusammen.
Neulich waren wir zum Beispiel in Cuenca. Eine ganz wunderschoene, alte Studentenstadt, wo wir den Unabhaengigkeitstag gefeiert haben. Durch solche Reisen fuehlen wir uns selbst auch gleich viel unabhaengiger. Ausserdem lernt man immer nette Ecuatorianer kennen, die nichts gegen Bier haben, wie Rafo.
Ecuador ist einfach ein tolles Land, mit ausgesprochen gutem Essen, in dem man durch wenige Stunden Busfahrt unheimlich viele unterschiedliche Landschaften kennenlernt. Gerade jetzt in der Regenzeit gefaellt es mir besonders gut in der Natur zu sein und den Cotopaxi in der Ferne mit Schnee bedeckt zu sehen.
Diesen fast 6.000 wollen Luise und ich um die Jahreswende besteigen, wenn die Sicht grossartig sein soll.
Herausforderungen findet man schliesslich doch immer, wenn man sie sucht.
Viele liebe Gruesse nach Deutschland.
Eure Pia
arañando el cielo

Gestern waren wir auf der Auffuehrung von Lucianos Mama. Danza contemporana macht die naemlich. Das war sehr toll. Ich hatte zuvor noch nie so etwas gesehen und war ziemlich beeindruckt von ihr. Selbst unser Profi Jonas, der schon mit Pina Bausch getanzt hat, war ganz hingerissen.
Vor allem war die Geschichte total interessant:
In den 80ern war Isabel naemlich in einer linken Widerstandsgruppe, die sich Alfaro Vive ¡Carajo! nannte und gegen den damaligen erzkonservativen Praesidenten Febres Cordero agierte, der mit Polizeiterror regierte. Dabei wurde ihr Freund umgebracht und sie musste nach Paris fliehen.
In den 80ern war Isabel naemlich in einer linken Widerstandsgruppe, die sich Alfaro Vive ¡Carajo! nannte und gegen den damaligen erzkonservativen Praesidenten Febres Cordero agierte, der mit Polizeiterror regierte. Dabei wurde ihr Freund umgebracht und sie musste nach Paris fliehen.
Mit diesen Ereignissen schliesst Isabel in ihrem Tanzstueck ab.
Folter und Mord durch den Staat wurden in dieser Zeit so stark wie nie zuvor und nie danach ausgeuebt. Um finanzielle Mittel fuer ihren bewaffneten Kampf
gegen Corderos repressive und korrupte Politik aufzutreiben, ueberfielen die Mitglieder von AVC Banken und entfuehrten Wirtschaftsbosse.
Im Jahr 2006 traten sie wieder in die Oeffentlichkeit, diesmal aber als soziale Organisation, die mit der Regierung Correas in Verbindung steht; ohne Hang zur Gewalt.
Einige ehemaligen Mitglieder sind bis heute vermisst.
Die Mutter eines anderen CDA-Jungens, Zadkiel, war auch im AVC. Zadkiel ist ein ganz netter, der Schriftsteller werden will und immer gerne seine Almodóvar-Filme ausleiht oder mit mir Schach spielt. Luciano hat auch total gestrahlt, als gleich alle fuenf Voluntaere zur Auffuehrung seiner Mama kamen.
domingo, 9 de noviembre de 2008
dìa de los difuntos / chichuki in cuenca
holas
es ist zwar schon eine woche her, aber cuenca darf auf meinem blog nicht fehlen. die ist naemlich zu unserer lieblingsstadt ecuadors auserkoren worden. vergangenes wochenende haben wir fuenf dort den dìa de los difuntos und den unabhaengigkeitstag cuencas gefeiert.
am freitag gings in der schule damit los, colada morada und guaguas de pan zu machen. waehrend die colada (das blut der toten aus erdbeeren, himbeeren, ananas, zimt und anderen leckereien bestehend) koechelte, haben wir mit den jungs armdruecken gemacht. das war sehr witzig. vor allem, weil nefi, "der prinz", mitgemacht hat, dessen oberarme ungefaehr dreimal dicker als meine sind. aus dem kampf gegen jairo und luciano bin ich dafuer als stolze siegerin hervorgegangen.
danach sind wir ueber nacht nach guayaquil gefahren, weil alle busse nach cuenca voll waren. dafuer haben wir auf der fahrt eine nette ecuatorianerin kennengelernt. diana, mit der man bestimmt mal gut feiern gehen kann. politisch hat man ihr aber angemerkt, dass sie aus der groessten stadt ecuadors kommt, wo die neue verfassung als gefaehrdung des besitzes angesehen wird. irgendwie haben ihr einige das wort SOZIAL in sozialdemokratie vergessen.
cuenca ist eine alte kolonialstadt mit viel ruhe, vier fluessen, ranzigen hunden und studentencafes, verfallenen haeusern, schoenen kirchen und einigen hippies.
die oeffentlichen festlichkeiten sind leider ein bisschen an uns voruebergegangen, weil wir vollkommen uebernaechtigt erstmal eine panaderia suchen wollten oder beim netten almuerzo rumgetroedelt haben. dafuer sassen luise, chris und ich dann am letzten tag vier stunden in einem cafe und haben uns wiedermal sehr gut unterhalten.
nebenbei haben wir sieben lustige ecuatorianische borrachitos, alle erst 18 und erstsemester, und vor allem einen willy als freunde gewonnen.
"la droga ya es de todos" - de ley...
nach cuenca wollen wir jedenfalls sobald wie moeglich zurueckkehren, wenn die ganzen gringos und kleinkuenstler abgezogen sind und nur noch die nette, studentische atmosphaere geblieben ist.
denn wie tocotronic schon weise sangen:
"ich verabscheue euch wegen eurer kleinkunst zu tiefts..."
es ist zwar schon eine woche her, aber cuenca darf auf meinem blog nicht fehlen. die ist naemlich zu unserer lieblingsstadt ecuadors auserkoren worden. vergangenes wochenende haben wir fuenf dort den dìa de los difuntos und den unabhaengigkeitstag cuencas gefeiert.
am freitag gings in der schule damit los, colada morada und guaguas de pan zu machen. waehrend die colada (das blut der toten aus erdbeeren, himbeeren, ananas, zimt und anderen leckereien bestehend) koechelte, haben wir mit den jungs armdruecken gemacht. das war sehr witzig. vor allem, weil nefi, "der prinz", mitgemacht hat, dessen oberarme ungefaehr dreimal dicker als meine sind. aus dem kampf gegen jairo und luciano bin ich dafuer als stolze siegerin hervorgegangen.
danach sind wir ueber nacht nach guayaquil gefahren, weil alle busse nach cuenca voll waren. dafuer haben wir auf der fahrt eine nette ecuatorianerin kennengelernt. diana, mit der man bestimmt mal gut feiern gehen kann. politisch hat man ihr aber angemerkt, dass sie aus der groessten stadt ecuadors kommt, wo die neue verfassung als gefaehrdung des besitzes angesehen wird. irgendwie haben ihr einige das wort SOZIAL in sozialdemokratie vergessen.
cuenca ist eine alte kolonialstadt mit viel ruhe, vier fluessen, ranzigen hunden und studentencafes, verfallenen haeusern, schoenen kirchen und einigen hippies.
die oeffentlichen festlichkeiten sind leider ein bisschen an uns voruebergegangen, weil wir vollkommen uebernaechtigt erstmal eine panaderia suchen wollten oder beim netten almuerzo rumgetroedelt haben. dafuer sassen luise, chris und ich dann am letzten tag vier stunden in einem cafe und haben uns wiedermal sehr gut unterhalten.
nebenbei haben wir sieben lustige ecuatorianische borrachitos, alle erst 18 und erstsemester, und vor allem einen willy als freunde gewonnen.
"la droga ya es de todos" - de ley...
nach cuenca wollen wir jedenfalls sobald wie moeglich zurueckkehren, wenn die ganzen gringos und kleinkuenstler abgezogen sind und nur noch die nette, studentische atmosphaere geblieben ist.
denn wie tocotronic schon weise sangen:
"ich verabscheue euch wegen eurer kleinkunst zu tiefts..."
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